18 Stellen unbesetzt

Halbe Stelle pro Kita fehlt: Wie konnte es in Kassel zum "Fehler" kommen?

Kassel. Warum sind in Kassel über Jahre 18 Stellen in städtischen Kitas nicht besetzt worden, obwohl dies der Betreuungsschlüssel vorsieht? Eine Suche nach Antworten, einen Tag nach Bekanntwerden des "Fehlers".

Rein rechnerisch lässt sich festhalten, dass durch die Nicht-Besetzung von 18 Stellen in den insgesamt 33 städtischen Kitas und Horten knapp eine halbe Stelle pro Einrichtung gefehlt hat beziehungsweise fehlt. Die Anzahl der Erzieherinnen/Erzieher in ihren Kitas und Horten gibt die Stadt Kassel mit 371 Vollzeitstellen an.

Die gemeinsame Grundlage

2403 Kinder werden aktuell in städtischen Kitas (ohne Horte) betreut. Inklusive freier Träger und Horte stehen in Kassel 10.230 Betreuungsplätze zur Verfügung. Nach den weiteren Angaben der Stadt gelten für die Kita-Betreuung die Vorgaben des Hessischen Kinderförderungsgesetzes (KiföG) und die von der Kasseler Stadtverordnetenversammlung beschlossenen Qualitätsstandards. „Das KiföG ist Landesrecht, die Qualitätsstandards sind Stadtrecht. Gemeinsam sind sie Grundlage zur Berechnung des Betreuungsschlüssels in der Stadt Kassel“, hieß es. Im Detail aber schlüsselte die Stadt Kassel die Vorgaben und Standards nicht auf.

Das Landesgesetz

Mit dem Hessischen Kinderförderungsgesetz (HessKifög) wurde 2014 die bis dahin geltende gruppenorientierte Mindestverordnung durch einen kindbezogenen Personalschlüssel abgelöst. Nach Angaben des Landes wird seither für die Betreuung unter dreijähriger Kinder eine Personalquote von 0,2 (zwei Erzieherinnen pro Gruppe von zehn Kindern) verlangt. Bei Kindern ab drei Jahren und bis zum Schuleintritt liegt die Quote bei 0,7 (1,75 Erzieherinnen pro Gruppe von 25 Kindern). Städtische wie freie Kita-Träger müssen in Hessen mindestens diese Vorgaben des KiföG anwenden. Ob dies bei den städtischen Kitas der Fall ist, blieb auf Nachfrage offen.

Die Prüfung

Das Problem, so ein Stadtsprecher: „Unter Berücksichtigung des KiföG und der von der Stadtverordnetenversammlung beschlossenen Qualitätsstandards fehlen 18 Vollzeit-Stellen bei der Kindertagesbetreuung in den Einrichtungen der Stadt.“ Das Revisionsamt prüfe die Umsetzung des KiföG sowie die Organisation der Kindertagesbetreuung. „Vor dem Hintergrund der laufenden Prüfung des Revisionsamtes wird die Stadt Kassel überdies keine weiteren Auskünfte geben.“

Die Aufsichtsbehörde

OB Geselle hatte am Montag bei der Vorstellung des Haushaltsentwurfs erklärt, dass die Stadt das Regierungspräsidium Kassel (RP) als kommunale Aufsichtsbehöre über den Fehler bei der Kita-Betreuung informiert habe. RP-Sprecher Michael Conrad sagte am Dienstag auf Anfrage unserer Zeitung, das Regierungspräsidium habe zwar Kenntnis davon, sei aber zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht involviert. „Das liegt im Bereich der kommunalen Selbstverwaltung. Da mischen wir uns nicht ein“, meinte Conrad. (aha)

Bertelsmann-Stiftung vergleicht Betreuung in Kitas

Nach einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung hängt die Kita-Qualität stark vom jeweiligen Wohnort ab. Kassel landet bei der vergleichenden Untersuchung im Mittelfeld. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum Thema.

Was hat die Bertelsmann-Stiftung genau untersucht?

Verglichen wurde, wie viele Kinder eine Erzieherin beziehungsweise ein Erzieher in den jeweiligen Städten und Kreisen im Durchschnitt betreuen muss. Dabei wird zwischen den Krippengruppen (Unter drei Jahre) und den Kindergartengruppen (drei bis sechs Jahre) unterschieden. Einberechnet wurden sowohl städtische wie auch freie und kirchliche Einrichtungen.

Wie sieht das Ergebnis für Kassel aus?

In den Kasseler U3-Gruppen liegt der Personalschlüssel im Durchschnitt bei 3,9. Das heißt, eine Person kümmert sich rechnerisch um 3,9 Kinder. Damit liegt Kassel hessenweit im Mittelfeld. Spitzenreiter ist Darmstadt mit einem Personalschlüssel von 3,1. Schlusslicht ist Fulda, wo sich eine Erzieherin um 4,5 Kinder kümmert. Sehr gut schneidet der Landkreis Kassel ab. Dort liegt der Schlüssel bei 3,4 Kindern pro Erzieherin.

Bei den Kindergartengruppen hat Kassel einen Personalschlüssel von 9,7. Auch dies ist ein mittlerer Platz im hessenweiten Vergleich. Mit 9,9 schneidet der Landkreis Kassel hier sogar noch etwas schlechter ab.

Kann Kassel damit zufrieden sein?

Nur bedingt. Die Bertelsmann-Stiftung empfiehlt bei der U3-Betreuung einen Schlüssel von 3,0 und bei den Kindergärten einen Schlüssel von 7,5. Außer Darmstadt erfüllt in Hessen aber keine Stadt und kein Kreis diese Empfehlungen. Allerdings hat sich die Situation seit der vergangenen Untersuchung der Bertelsmann Stiftung im Jahr 2012 verbessert. (bal)

Rubriklistenbild: © Uwe Zucchi/dpa

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