Angst, dass die Situation so bleibt

Von der Hand in den Mund: Kasseler Griechen berichten von Armut  in der Heimat

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Armut in Athen: Im Lager der SOS-Kinderdörfer in der griechischen Hauptstadt werden Nahrungspakete für Hunderte hilfsbedürftige Familien zusammengepackt. Damit soll auch verhindert werden, dass Eltern ihre Kinder im Kinderdorf abgeben, weil sie nicht mehr in der Lage sind, sich um sie zu kümmern.

Kassel. „Die Leute haben nichts zu essen. Keiner kann sich hier vorstellen, wie es den Menschen geht“, sagt Dimitrios Kitsu zur Krise in seiner Heimat Griechenland.

„Viele Familien leben von der Hand in den Mund.“  Es sei kaum vorstellbar, was passiert, wenn beispielsweise die Mehrwertsteuer erhöht und die Renten, die im Schnitt bei 400 Euro lägen, weiter gekürzt würden.

Dimitrios Kitsu

Der Geschäftsführer der Kasseler Weinhandlung Schluckspecht erzählt von einem Schulfreund, der für 34 EuroTagesgehalt an einer Autobahn mit baut. Das wenige Geld würde auch so kaum reichen, doch in den vergangenen drei Monaten habe er gar kein Gehalt bekommen, weil die Regierung nicht zahlen kann. „Er hat kein Brot mehr, um seinen beiden Kindern morgens eines mitzugeben“, berichtet der 48-Jährige. Zurzeit müsse er die Kinder zur Kirche schicken, um Essen zu bekommen.

Für Kitsu ist es selbstverständlich, Freunden und Verwandten in Not auch mit Geld zu helfen. In diesem Jahr war er bereits dreimal in Griechenland. So versuche er auch, den Tourismus zu stützen und beispielsweise Kleidung und Schuhe möglichst in Griechenland einzukaufen, um die Wirtschaft zu unterstützen.

„Die Hilfe und die Solidarität der Menschen, die wenig haben, ist extrem stark“, sagt Kitsu. Ohne diesen Zusammenhalt wäre es sicher schon zu soziale Unruhen gekommen, glaubt er: „Wir wollen die Kredite zurückzahlen, aber lasst den Menschen erst mal Luft zum Atmen“, appelliert er.

In Georgios Maniatis‘ Heimat Athen ist die Arbeitslosigkeit mit einer Rate von 60 Prozent noch höher. Auch sein 39-jähriger Bruder, der vor drei Jahren seine Arbeit als Ranger in einem Nationalpark verloren hat, ist betroffen. Die lange Arbeitslosigkeit zerstöre jede Hoffnung und sei eine schlimme psychische Belastung, hält der 36-Jährige vor Augen. Sein Bruder lebe bei der Mutter und von deren Rente, die dank einer 20-jährigen Tätigkeit als Industriearbeiterin in Deutschland relativ sicher sei. Dass junge Menschen so von ihren Eltern mitversorgt werden, sei in Griechenland inzwischen Normalität.

Die größte Angst der Menschen sei, dass die Situation so bleibt, dass die Hoffnung irgendwann stirbt. Auch Maniatis hat diese noch nicht aufgegeben: Wenn er demnächst sein Masterstudium an der Universität Kassel in Politikwissenschaft beenden wird, möchte er am liebsten in seine Heimat zurückgehen, um dort zu arbeiten.

Er hoffe, das die Demokratie in Griechenland nicht am Abgrund stehe, dass die Menschen in Europa durch Missverständnisse und Missvertrauen nicht weiter auseinanderdividiert werden. „Viele tun so, als ob jeder Grieche und jede Griechin verantwortlich sei für die Krise“, berichtet er auch von Anfeindungen. Foto: privat/nh

Das sagt Skevos Papaioannou: Solidarität mit Griechenland ist wichtig

Seit 30 Jahren ist Dr. Skevos Papaioannous Heimat die Insel Kreta. Die Lehre an der dortigen Universität hat er für eine Vertretungsprofessur für Sozialpädagogik an der Uni Kassel unterbrochen. Der 67-Jährige wünscht sich Solidarität mit seinem Volk und einen christlichen Umgang der Europäer miteinander.

So appelliert er an die Menschen zu versuchen, sich ein eigenes, objektives und differenziertes Bild über die Situation in Griechenland zu machen und kritisch mit den Aussagen von Politikern umzugehen.

Und er fürchtet fatale Folgen, wenn künftig auch der Tourismus einbrechen würde. „Die Leute brauchen keine Angst zu haben, dass sie anders aufgenommen werden. Die griechische Gastfreundschaft ist groß“, sagt Papaioannou.

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