HSG Zwehren/Kassel sagt Spiele ab

Günter Böttcher - Engagiert in all seinen Rollen

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Günter Böttcher

Kassel. Nordhessens Handball-Gemeinde steht nach dem Freitod von Dr. Günter Böttcher unter Schock. Der Trainer und frühere Nationalspieler starb im Alter von 58 Jahren. Während eines Klinikaufenthaltes in Bad Neustadt /Saale hat sich Böttcher am Donnerstagmorgen das Leben genommen.

Die örtliche Polizei bestätigte die traurige Nachricht gegenüber unserer Zeitung. Böttcher war wegen der Folgen eines schweren Autounfalls in der Nacht auf den 8. August in die Rehabilitationsklinik verlegt worden. Mit Böttcher verliert der Handball der Region eine seiner Lichtgestalten – sowohl als Trainer, als auch als Spieler. Familie, Beruf, Handball: In seiner Rolle als Vater einer Tochter und eines Sohnes war Böttcher genauso engagiert wie als Hochschullehrer am Sportinstitut der Universität Kassel und eben als Trainer.

„Und zwar in dieser Reihenfolge“, hat er immer wieder betont. Günter Böttcher war sich darüber im Klaren, dass er in der Öffentlichkeit vor allem als Handballer wahrgenommen wurde. Ein Grund mehr, stets auf die beiden anderen Säulen seines Lebens hinzuweisen. Der Tod seines Sohnes Benjamin nach langer Krankheit im Herbst 2006 war ein Schicksalsschlag, den Günter Böttcher nie verkraftet hat. „Manche Menschen sagen, dass die Zeit alle Wunden heilt, ich finde das nicht“, hat er kürzlich noch betont. Auch Böttchers grandiose sportliche Karriere hatte ihre Schattenseiten, denn ein Kreuzbandriss beendete die Laufbahn des erst 24-Jährigen, kurz nachdem er vom TV Hüttenberg nach Gensungen zurückgekehrt war. Gerade waren die Handballer aus dem Edertal in die Bundesliga aufgestiegen, als Böttchers Verletzung der Anfang vom Ende der Erstklassigkeit war. Ein Leben ohne seinen Sport aber war unvorstellbar für den Mann, der bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal mit der deutschen Nationalmannschaft auf dem vierten Platz gelandet war.

Der Übergang zum Trainerjob war fließend: Böttcher war bereits mit 24 Jahren Coach des damaligen Bundesligisten Jahn Gensungen. Begonnen hat alles im Felsberger Stadtteil Böddiger. Dort betrieb Familie Böttcher einen Bauernhof. In Günter Böttchers Jugend klatschte gegen das Scheunentor ungezählte Male ein kleiner Lederball, mit dem er sich das Handballspielen beibrachte. Eintracht Böddiger, Jahn Gensungen und TV Hüttenberg hießen die Klubs, bei denen er Technik und Taktik verbesserte. Und vor allem in der Abwehr war der Nordhesse so gut, dass Bundestrainer Vlado Stenzel nicht auf ihn verzichten wollte. Es wurden 36 Länderspiele, und der Höhepunkt fand trotz der Olympischen Spiele in Montreal am 6. März 1976 in Karl-Marx-Stadt statt. Damals gab es noch die DDR, und die wollte sich genauso wie die Bundesrepublik für Montreal qualifizieren. Nach dem 17:14 im Hinspiel in München reichte der Bundesrepublik die 8:11-Niederlage, um bei den Olympischen Spielen dabei zu sein. Das Ergebnis drückt aus, dass die Abwehr überragend funktionierte. Deren Chef hieß Günter Böttcher und war erst 21 Jahre alt. Später prägte der Gensunger den Handball in dieser Region wie kein Zweiter.

Ob als Trainer in Gensungen, Melsungen, Bad Hersfeld, Rotenburg oder Göttingen: Wo Günter Böttcher war, war der Erfolg. So führte er die MT Melsungen, die HSG Gensungen/Felsberg und den SC Göttingen 05 in die 2. Bundesliga. Genauso engagiert, manchmal regelrecht extrovertiert, wie auf der Trainerbank war Günter Böttcher bei seiner Tätigkeit als Sportwissenschaftler an der Uni Kassel. Besonders am Herzen lag ihm die Ausbildung der Studenten, die nach ihrem Studium als Sportlehrer arbeiten wollten. Wer sich zum Ziel gesetzt hatte, seine Aufgabe mit Enthusiasmus und Leidenschaft anzugehen, der fand in Böttcher ein Vorbild. Am Donnerstag entschied sich Böttcher, seinem Leben ein Ende zu setzen. Er hinterlässt Ehefrau, Tochter und zwei Enkelkinder.

Günter Böttcher: Fotos der Handball-Legende

HSG Zwehren/Kassel sagt Spiele ab

Die HSG hat nach dem Tod ihres Trainers alle Spiele der Seniorenteams abgesagt. Die Männermannschaft, die Böttcher bis zu seinem Autounfall drei Jahre trainert und in die Landesliga geführt hatte, hätte zum Derby gegen die HSG Baunatal antreten müssen. Bei den Damen ist die Partie gegen Kirchhof II betroffen. Auch die Partien der Reserveteams sind abgesagt.

„Wir stehen alle unter Schock“, sagt Klaus Kurtz, der Vorsitzende der HSG, „wir verlieren einen Menschen, der in den drei Jahren bei uns ein wichtiger Teil der HSG-Familie geworden ist. Günter Böttcher war ein ganz besonderer Mensch, der stets den gesamten Verein im Blick gehabt hat. Mit seinen Visionen hat er uns alle angesteckt.“ (frz/tho)

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