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8000 Euro im Jahr für Energie: Enorme Kosten fürs Heizen mit Nahwärme in Kassel

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Von: Bastian Ludwig

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Anwohner im Neubaugebiet Feldlager in Kassel-Harleshausen sind verärgert über die immense Preissteigerung für Energie bei den Städtischen Werken.

Harleshausen - Die steigenden Energiepreise sind für viele Haushalte eine Belastung. Ein krasser Fall von Preisexplosion ist in Kassel im Harleshäuser Neubaugebiet Feldlager zu beobachten. Dort sind Eigentümer zum Anschluss an die Nahwärme-Versorgung der Städtischen Werke verpflichtet. Einzige zulässige Alternative ist die Installation einer Wärmepumpe, die je nach Ausführung 20.000 bis 30.000 Euro kostet. Da werden auch die 75 Euro Energiezuschuss wenig helfen, die die Stadt kürzlich für alle Bürger in Kassel beschlossen. Das Geld gibt es jedoch nur auf Antrag.

Mehrere Familien haben sich nun an die HNA-Redaktion gewandt, weil sie sich für die Nahwärme entschieden hatten und nun pro Jahr bis zu 8000 Euro für Heizung und Warmwasser im Einfamilienhaus zahlen müssen.

Bei Mariusz Gacmanga hat sich im vergangenen Jahr viel Frust über die Städtischen Werke aufgestaut. Er wohnt seit zwei Jahren mit Frau und zwei Kindern in einem Einfamilienhaus mit 180 Quadratmetern an der Irmgard-Keun-Straße. Vor dem Einzug hatte er die Wahl: Die Nahwärme aus dem Biogas-Blockheizkraftwerk der Städtischen Werke in der Siedlung beziehen oder eine Wärmepumpe installieren lassen. Eigene Gas-, Öl- oder Holzpelletheizungen sind im Neubaugebiet Feldlager verboten.

Anwohner sind sauer über die immensen Kosten für Nahwärme: Elena Scheller (von links) und Marko Lazic mit Amelie, Mariusz Gacmanga und Erdem Demirtas
Anwohner sind sauer über die immensen Kosten für Nahwärme: Elena Scheller (von links) und Marko Lazic mit Amelie, Mariusz Gacmanga und Erdem Demirtas © Bastian Ludwig

Bis zu 8000 Euro Energiekosten im Jahr für ein Einfamilienhaus: Extreme Preisexplosion in Kassel

Gacmanga entschied sich für die Nahwärme. Der Vertreter des Versorgers habe damit geworben, dass sich Bewohner ohne Anfangsinvestition ans Netz anschließen lassen können. Lediglich eine platzsparende Übergabestation müsse im Haus installiert werden. In dem Schreiben, das der Familienvater und weitere Nachbarn damals bekommen hatten – und das der HNA vorliegt – kalkulierten die Städtischen Werke mit einem jährlichen Verbrauch von „großzügig geschätzten acht Megawattstunden“ (MWh) für ein Einfamilienhaus mit KfW-70-Standard, wie es Gacmanga bewohnt. Auch in mehreren Lieferverträgen, die der HNA vorliegen, ist dieser Schätzwert genannt. Am Anfang kostete die Megawattstunde keine 140 Euro, so Gacmanga.

Hinzu kommt eine jährliche Grundgebühr von 1700 Euro für ein frei stehendes Einfamilienhaus. In Summe müsse Gacmanga mit Jahreskosten von 3000 Euro rechen, heißt es im Schreiben.

Als nach einem Jahr die erste Abrechnung kam, war der Schock groß. 3000 Euro forderte der Versorger als Nachzahlung. Grund dafür war vor allem, dass sein Verbrauch bei 24 statt 8 MWh lag. Zudem sorgte die Preisgleitklausel in den Nahwärmeverträgen dafür, dass zweimal im Jahr der Preis für die Megawattstunde angehoben wurde. Diese Änderungsklausel ist an den Gaspreis gekoppelt. „Aktuell zahlen wir bereits 300 brutto pro Megawattstunde“, so Gacmanga.

„Verbrauch zu hoch“: Städtische Werke in Kassel schieben Familienvater Mitschuld für hohe Kosten zu

Als Gacmanga sich bei den Städtischen Werken beschwerte, habe er die Information erhalten, dass er offenbar zu viel verbrauche. Auch der in der Regel höhere Verbrauch im ersten Jahr nach Bezug eines Neubaus durch die Bauwärme für die Estrichtrocknung sei eine mögliche Ursache. „Ich habe aber weder ein Schwimmbad noch einen Whirlpool.“ Auch die Bauwärme spiele bei ihm keine Rolle. Er hatte seinerzeit mit Elektroöfen den Estrich getrocknet. „Nun muss ich wieder nachzahlen, obwohl ich im Jahr 4800 Euro Abschlag gezahlt habe.“ Für das zurückliegende Jahr rechnet er mit knapp 8000 Euro.

Gacmanga ist kein Einzelfall. Nachbarin Elena Scheller lebt in einem ähnlich großen Einfamilienhaus. Auch ihre Familie habe zuletzt 18 statt 8 MWh im Jahr verbraucht – und das, obwohl sie in einem Effizienzhaus (KfW-55) mit sehr hohem energetischem Standard lebt. Auch Erdem Demirtas und weitere Nachbarn, die sich bei der HNA meldeten, sehen sich mit ähnlichen Kosten konfrontiert. Sie alle haben an Kündigung gedacht.

Allerdings läuft ihr Vertrag zehn Jahre. Erdem Demirtas und ein paar andere Anwohner fanden ein juristisches Schlupfloch, um aus dem Vertrag zu kommen. Die Widerrufsbelehrung fehlte in vielen Verträgen und die Frist, um dies zu monieren, war in seinem Fall noch nicht abgelaufen. Bei anderen – wie Gacmanga – war es zu spät. Doch auch Demirtas steht nun vor einem Problem. Weil die Lieferung seiner bestellten Wärmepumpe acht Monate dauert, wird er zunächst weiter für Nahwärme zahlen müssen.

Stellungnahme: Das sagen die Städtischen Werke in Kassel zu den Vorwürfen der betroffenen Anwohner

Mit den Beschwerden aus dem Neubaugebiet Feldlager haben wir eine Sprecherin der Städtischen Werke konfrontiert. Hier die Fragen und Antworten.

Etlichen Eigentümern im Feldlager wurden Nahwärmeverträge verkauft, in denen geschätzte 8 MWh pro Jahr angegeben sind. Tatsächlich lagen die Verbräuche bei 18 bis 24 MWh pro Jahr.

Es ist zutreffend, dass der Wärmeverbrauch von einigen Kunden im ersten Abrechnungsjahr deutlich höher war, als die in den Kundeninformationen dargestellten üblichen und langjährigen Jahresdurchschnittswerte. Der tatsächliche Wärmeverbrauch ist von einer Vielzahl individueller Faktoren abhängig: Dabei spielen bauliche Aspekte wie die Größe des Gebäudes eine Rolle. Schließlich kommt daneben das individuelle Heizverhalten zum Tragen. Auch könnte zum Beispiel die Nutzung von Wärme in der Bauphase des Gebäudes zu einem zusätzlichen Verbrauch führen.

Aber in den Verträgen tauchen die 8 MWh auch auf.

Grundsätzlich ist zu ergänzen, dass der Wärmebedarf von etwa 8 MWh in den Verträgen ausdrücklich als voraussichtliche Jahresabnahmemenge bezeichnet wurde und mit dem Kunden diese Leistungs- und Wärmebedarfsdaten abgestimmt wurden. Mit Unterzeichnung des Vertrages haben die Kunden auch dieser Regelung zugestimmt und damit die ihnen obliegende Mitverantwortung übernommen.

Aufgrund der Verbräuche müssen die Haushalte sehr hohe Abschläge und Nachzahlungen tragen.

Leider treffen die Entwicklungen an den Energiemärkten alle Wärmekunden. Gas, Strom und sogar Holz haben unvorhersehbare und immense Preisschwankungen aufgrund von Versorgungsunsicherheit und Marktbewegungen. Dies gilt daher nicht nur für Kunden im Feldlager.

Der Preis ist in den vergangenen Monaten von 134 Euro auf 300 Euro (brutto) pro MWh geklettert.

Alle Preisanpassungen erfolgten auf der Grundlage der vertraglich vereinbarten Formeln unter Anwendung der aktuellen Notierungen. Die erheblichen und bis zu den russischen Gaslieferstopps auch so von niemandem seriös zu erwartenden Steigerungen kamen durch den Preissprung des Gasindex von über 300 Prozent zustande.

Durch die Koppelung an den europäischen Gaspreisindex rechnen die Eigentümer bei der nächsten Preisanpassung mit einem Preis von 400 Euro pro MWh. Ist das realistisch?

Davon ist nicht auszugehen. Die Städtischen Werke haben eine alternative Preisgleitklausel erarbeitet, die die Spekulationsschwankungen des Marktes deutlich glätten soll. In Kürze werden die Kunden darüber per Kundenanschreiben informiert und ein entsprechendes Angebot zur Anpassung der Preisgleitklausel gemacht. Die Preisanpassungen werden dafür bis Ende dieses Jahres im Feldlager ausgesetzt und sollen dann bei Zustimmung zu der neuen Formel erst Anfang nächsten Jahres wirksam werden.

Mehrere Eigentümer wollen kündigen. Wie reagieren Sie darauf?

Die Städtischen Werke versuchen, mit dem Angebot der neuen Preisgleitklausel die Preisschwankungen so gering wie möglich zu halten. Damit wollen wir konstruktiv auf die Beschwerden der Kunden eingehen. Wir sprechen mit jedem Kunden und suchen individuelle Lösungen. Es geht auch darum, die Idee, die hinter dem Beschluss der Stadtverordneten stand, umzusetzen: eine ökologische und zukunftsorientierte Wärmeversorgung für ein Neubaugebiet. (Bastian Ludwig)

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