Verteidigung plädiert auf Freispruch für 59-Jährige

Nach Bluttat in Harleshausen: Anklage will sechs Jahre

Freispruch wegen Notwehr oder Haft wegen Totschlags?: Das Urteil über die 59-Jährige, die im Vorjahr ihren Partner erstochen hatte, soll am Donnerstag vor dem Landgericht fallen. Zeichnung: Reinckens

Kassel. Unterschiedlicher könnte die Beurteilung der Bluttat in Harleshausen Anfang Juli vergangenen Jahres nicht sein: Die eine Seite fordert wegen Totschlags sechs Jahre Haft, die andere wegen Notwehr Freispruch.

Staatsanwältin Verena Bring forderte wegen Totschlags sechs Jahre Haft für die 59-jährige Kasselerin, die ihren 48-jährigen Lebensgefährten mit einem Küchenmesser erstochen hatte. Verteidiger Peter Gros plädierte auf Freispruch, weil die Frau in Notwehr gehandelt habe.

Zu Beginn der Verhandlung am Dienstag hatte Volker Mütze, Vorsitzender Richter am Landgericht Kassel, auf die Möglichkeit verwiesen, den Totschlag-Vorwurf auf fahrlässige Tötung oder Körperverletzung mit Todesfolge abzumildern.

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Davon wollte die Staatsanwältin nichts wissen. Sie schilderte noch einmal den Tathergang. Danach hatte der stark betrunkene Mann die Frau nach einem Streit ums Fernsehprogramm in der Küche in eine Ecke gedrängt. Dort habe sich die Frau ein Küchenmesser mit 19 Zentimeter langer Klinge gegriffen und dem Mann oberhalb des Herzens in die linke Brust gestoßen. Der Mann verblutete innerlich.

Ein psychiatrisches Gutachten hatte der 59-Jährigen volle Schuldfähigkeit zum Tatzeitpunkt bescheinigt. Sie war nüchtern, der Mann hatte 3,04 Promille Alkohol im Blut. Nach Einschätzung der Staatsanwältin habe die Angeklagte den Tod des Partners möglicherweise nicht gewollt, ihn aber billigend in Kauf genommen und sein Überleben dem Zufall überlassen. Die angeblich zum Schlag erhobene Faust bewertete sie als Schutzbehauptung.

Das sah Verteidiger Peter Gros ganz anders. Blutergüsse am Körper der Frau seien Belege für mehrere Tritte und Faustschläge, die der 48-Jährige seiner Partnerin in den zurückliegenden Monaten - regelmäßig stark betrunken - zugefügt hätte.

In der Küchenecke habe sie keine Fluchtmöglichkeit gehabt, als sie die Faust sah, habe sie nach etwas zur Verteidigung gegriffen und das zufällig dort liegende Messer erwischt. Der Stich sei nur zur Abwehr und mit wenig Kraftaufwand geführt worden.

Auch das Verhalten nach der Tat belegt nach Meinung der Verteidigung den fehlenden Tötungsvorsatz. Beide hätten sich unterhalten, er habe nicht gewollt, den Rettungsdienst zu holen. Als die Frau dies etwa 30 Minuten später doch tat, habe sie die Leitstelle auf die Stichverletzung hingewiesen. Als die Sanitäter eintrafen, war der Mann schon tot. Die Verhandlung wird am kommenden Donnerstag um 10 Uhr im Saal D 130 des Landgerichtes mit dem Urteil durch Richter Mütze fortgesetzt.

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