Angeklagte wollte ein anderes Programm sehen

Tödlicher Streit um Fernbedienung: Frau soll Partner erstochen haben

Wegen Totschlags angeklagt: Vor Gericht konnte sich die 59-jährige Angeklagte nicht mehr genau an die Geschehnisse erinnern. Ihr Lebensgefährte starb an den Folgen eines Messerstichs. Zeichnung: Reinckens

Kassel. Der Streit ums Fernsehprogramm endete tödlich: Mit einem 19 Zentimeter langem Küchenmesser soll eine 59-jähriger Frau aus Kassel ihren 48-jährigen Lebensgefährten in die Brust gestochen haben.

Die Tat ereignete sich im Juli vergangenen Jahres. Wegen Totschlags muss sich die Frau, die vor 25 Jahren aus Polen nach Deutschland kam, seit Mittwoch vor dem Kasseler Landgericht verantworten

Dieser Juliabend dürfte den meisten noch lebhaft in Erinnerung sein: Im Jahrhundertspiel des WM-Halbfinales deklassierte die deutsche Nationalmannschaft gerade die Gastgeber aus Brasilien mit 7:1. Doch das Paar in der Wohnung an der Franzstraße in Harleshausen hatte ganz andere Probleme, wie Staatsanwältin Verena Bring in der Anklage schilderte: Die Frau wollte einen polnischen Kanal sehen, der Mann ein Motorradrennen verfolgen. Der stark alkoholisierte 48-Jährige - die Obduktion ergab später 3,04 Promille - schaltete auf den Sportsender, die Frau zurück auf ihren Kanal. Da habe sich der Mann die beiden Fernbedienungen geschnappt und sei damit in die Küche gelaufen, die Frau hinterher. Beim Gerangel um die Fernbedienung habe der Mann die etwa 20 Zentimeter kleinere Frau in eine Ecke gedrängt. Sie habe die erhobene Hand gesehen, sich an zahlreiche frühere Faustschläge und Tritte erinnert und zu dem Messer gegriffen, das auf einer Anrichte lag.

Was dann geschah, sei in einem „schwarzen Loch“ verschwunden, schilderte sie dem Gericht unter Vorsitz von Richter Mütze. Ob sie zugestochen habe oder der Mann sich selbst das von ihr gehaltene Messer in die Brust rammte, als er sie bedrängte, konnte sie nicht sagen. Als Blut floss, habe sie den Rettungsdienst rufen wollen, was der Mann aber abgelehnt habe. Er habe sich auf den Küchenstuhl gesetzt und um einen Lappen gebeten, um die Blutung zu stoppen. „Ist nicht so schlimm“, habe er gesagt, während sie das Blut vom Küchenboden aufgewischt habe.

Erst etwa 20 bis 30 Minuten später alarmierte sie den Rettungsdienst und meldete einen schlafenden, stark betrunkenen Mann. Als die Sanitäter eintrafen, habe der Mann tot am Tisch gesessen, schilderten die beiden Helfer am Mittwoch als Zeugen die Situation bei ihrem Eintreffen. Die spätere Obduktion ergab, dass nach dem Messerstich in die Lunge fast zwei Liter Blut in den Bauchraum geflossen waren.

Die zweifache Mutter, die die deutsche und polnische Staatsbürgerschaft besitzt, hatte den 48-Jährigen im Internet kennengelernt und war etwa viereinhalb Jahre mit ihm zusammen. Erst spät habe sie den exzessiven Alkohokonsum ihres Partners bemerkt, seit Mitte 2013 habe er sie immer wieder geschlagen oder getreten. Für den Prozess sind noch drei Verhandlungstage angesetzt, weiter geht es am Donnerstag, 12. 2., um 9 Uhr im Saal D 130 des Landgerichtes.

Von Thomas Stier

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