Landgericht erkennt Notwehrsituation nicht an

Fünf Jahre Haft für Totschlag zum WM-Halbfinale

Muss ins Gefängnis: Die 59-Jährige aus Harleshausen. Zeichnung: Reinckens

Kassel. Zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren wegen Totschlags hat die 6. Strafkammer des Landgerichts Kassel eine 59-Jährige Frau aus Harleshausen verurteilt.

Die von Verteidiger Peter Gros ins Feld geführte Notwehr-Situation, für die er einen Freispruch gefordert hatte, sah das Gericht nicht. Gros kündigte Revision an.

Während am 8. Juli vergangenen Jahres das WM-Halbfinale zwischen Deutschland und Brasilien lief, war es zwischen der Angeklagten und ihrem 48-jährigen Lebensgefährden zum Streit ums TV-Programm gekommen. In dessen Verlauf hatte der stark betrunkene Mann die Frau in der Küche in eine Ecke gedrängt und die Faust zum Schlag erhoben. Die Frau griff ein Küchenmesser und stieß dem Mann die 19 Zentimeter lange Klinge in die linke Brustseite.

Dieser „finale Rettungsstich“ ging nach Einschätzung des Vorsitzenden Richters Volker Mütze über die gebotene Verteidigung hinaus und habe die „Grenzen der Notwehr überschritten“. Der Richter sah bei der Angeklagten einen „bedingten Tötungsvorsatz“, sie habe den Tod ihres Partner in Kauf genommen, weil sie „ihre Ruhe haben“ wollte.

Mütze räumte ein, dass der alkoholkranke Mann seine Partnerin in den zurückliegenden Monaten bis zu neun Mal mit jeweils einem Faustschlag am Kopf getroffen habe. Hämatome an den Beinen zeugten zudem von Tritten in der Zeit kurz vor der Bluttat in der Wohnung der Angeklagten.

Gleichwohl hätte die Androhung eines Messerstiches ausgereicht, den Angriff abzuwehren. Laut psychiatrischem Gutachten war sie zur Tatzeit voll schuldfähig, obwohl sie seit Jahren unter manischen Störungen und Depressionen leidet.

Das Verhalten der Frau nach der Tat zeige zwar glaubhafte Reue, aber auch Tatenlosigkeit, sagte Mütze. So habe sie etwa 30 Minuten gewartet, ehe sie den Rettungsdienst alarmierte. Als die Sanitäter eintrafen, saß der Mann schon tot am Küchentisch, er war innerlich verblutet.

Hätte sie sofort nach dem Stich den Rettungsdienst alarmiert, würde der Mann möglicherweise noch leben, sagte der Richter in seiner Urteilsbegründung. Dann wäre ein Freispruch denkbar gewesen, weil dann eine angemessene Notwehr vorgelegen hätte.

Archiv-Video

Verteidiger Peter Gros kündigte an, in Revision gehen zu wollen. „Hier ist im Zweifel gegen die Angeklagte entschieden worden“, kommentierte er das Urteil. Nicht alle positiven Umstände für die Angeklagte seien ausreichend gewürdigt worden.

Die aus Polen stammende Frau nahm das Urteil gefasst auf. Nach den Plädoyers hatte sie als letzte Worte unter Tränen gesagt: „Ich habe schon meine Strafe bekommen, der Tod meines Mannes ist ein Stich in mein Herz.“

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