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Kalköfen im Habichtswald: Wo einst der Kleber für den Kasseler Herkules brannte

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Von: Andreas Hermann

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Rund drei Meter im Durchmesser und zwei Meter hoch: der größere der beiden historischen Kalköfen im Habichtswald. Bürgerverein-Vorsitzender Carsten Höhre erläuterte den Teilnehmern die Funktionsweise.
Rund drei Meter im Durchmesser und zwei Meter hoch: der größere der beiden historischen Kalköfen im Habichtswald. Bürgerverein-Vorsitzender Carsten Höhre erläuterte den Teilnehmern die Funktionsweise. © Andreas hermann

Zwei historische Kalköfen zur Herstellung von Mörtel sind bei Harleshausen im Habichtswald wiederentdeckt worden.

Harleshausen – Tuffstein, Kalkstein, Mörtel: Was das Material angeht, sind der Habichtswald und der Herkules-Bau Anfang des 18. Jahrhunderts eng miteinander verbunden. Einen Eindruck davon haben am Sonntag rund 50 Teilnehmer einer Exkursion des Bürgervereins Harleshausen gewinnen können. Der Vorsitzende Carsten Höhre führte die Gruppe zu den am Ahnegraben verborgenen historischen Kalköfen, die er selbst vor etwa zehn Jahren durch Zufall in der Gemarkung Harleshausen wiederentdeckte. Also dorthin, wo vor über 300 Jahren der Kalkstein abgebaut, in zwei Öfen gebrannt und damit der Mörtel hergestellt wurde, der die beim Herkules-Bau verwendeten Tuffsteine aus dem Habichtswald fest und dauerhaft miteinander verbinden sollte.

Leider stellte sich die erhoffte Festigkeit und vor allem Dauerhaftigkeit beim Bau des Oktogons, des landgräflichen Riesenschlosses, nicht ein. Im Gegenteil: Der Herkules ist bereits seit dem Baustart im Jahr 1701 und bis heute ein Sanierungsfall (siehe Hintergrund). Das hat vor allem mit dem erosionsanfälligen Naturstein, aber auch mit dem offenbar zu erdigen Mörtel aus den Kalköfen bei Harleshausen zu tun. „Der Kleber für den Herkules war nicht von guter Qualität. Aber egal, der im Habichtswald abgebaute Tuffstein war es ja auch nicht“, brachte es Höhre auf den Punkt.

Um die Zeugnisse früher Industriekultur aufzusuchen, machte sich die Gruppe von der Grimm-Hütte am Erlenloch auf den Weg. Über die alte Wolfhager Straße und den Silberborn erreichte sie nach rund 2,5 Kilometern Fußmarsch ihr Ziel: den ersten und größeren der beiden historischen Kalköfen am Rande des Ahnegrabens. In seiner Mitte liegt eine Buche, die dort gewachsen war und gefällt werden musste, weil sie zu kippen und die Ofenanlage zu zerstören drohte.

„In diesem nahezu unbekannten Objekt wurde Branntkalk zur Mörtelherstellung für die ersten Bauphasen des Herkules-Bauwerks gewonnen“, erklärte Höhre. Mehrere Tage musste der Kalk darin brennen, um dann – mit Wasser und Sand – zu Mörtel zu werden. Die genaue Lage der Öfen ist nur wenigen bekannt. Das soll nach Ansicht Höhres auch so bleiben, allein schon wegen des unwegsamen Geländes.

Von den Kalköfen im Habichtswald gibt es nach seinen Angaben keine historischen Fotos und nur wenige schriftliche Quellen. Nach Aufzeichnungen von Wilhelm Führer, dem ehemaligen Harleshäuser Bürgermeister, ließ Landgraf Karl bereits 1696 auf dem Karlsberg Sammelteiche und Wasserführungen anlegen. Da die Heraufschaffung von Kalk große Mühe bereitete, errichtete man auf dem östlichen Hochrücken am Ahnatal eine Kalkbrennerei.

Dazu passt ein Vermerk in Paul Heidelbachs „Geschichte der Wilhelmshöhe“ fürs Jahr 1697: „Mauermeister Ritz erbaute auf dem Hohlgraben zwei neue Kalköfen“. Und weiter: „1735 bat der Kalkbrenner Wiegand Hofmeister, der auf der Ahne im Habichtswalde wohnte, ihm das leer stehende Füllenhaus (Sichelbach) zur Wohnung zu geben.“

Auch Heidelbach geht auf die Qualität des Materials ein. „Die Ursache der frühzeitigen Schadhaftigkeit des Oktogons und der Kaskaden lag einmal in der Beschaffenheit des Materials und sodann in Konstruktionsfehlern, die lediglich dem italienischen Baumeister Guerniero zur Lasten fallen“, schreibt er. Und dann bilanziert er: „So kann man annehmen, dass bei der Beschaffenheit des Materials nicht nur der leicht verwitternde Tuffstein, sondern auch der minderwertige Kalk vom Ahnatal in Rechnung zu stellen ist.“

Carsten Höhre hat rund ein dreiviertel Jahr gebraucht, um nach dem Zufallsfund des ersten historischen Kalkofens ganz in der Nähe den kleineren zweiten zu finden. Unklar ist, was aus dem ehemaligen Haus des Kalkbrenners im Habichtswald wurde. Davon fehlt nach wie vor jede Spur. Klar ist: Carsten Höhre wird weiter danach suchen.

Tuffstein sorgt für ständige Baufälligkeit

Das Herkules-Bauwerk, das Landgraf Karl von Hessen Kassel von 1701 bis 1717 errichten ließ, ist schon seit der Bauphase vor über 300 Jahren sanierungsbedürftig. Grund: Fast der gesamte Baukörper – Oktogon und Kaskaden – wurde aus Lapilli-Tuff errichtet, einem in nahen Steinbrüchen abgebauten Habichtswald-Basalttuff. Dieser Naturstein gilt als sehr erosionsanfällig. Er saugt Wasser auf, das bei Frost schichtweise abplatzt. Probleme machte auch der als Bindemittel in den Kalköfen bei Harleshausen hergestellte Mörtel. Er erhielt nach Einschätzung von Experten „zu viel erdige Bestandteile“. (Andreas Hermann)

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