Bis zu 100 Kontakte in zwei Stunden

OB-Wahlkampf an der Haustür: Wir waren mit Christian Geselle auf Tour

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Wusste noch gar nicht von der Wahl: Katja Leder legte dem Christian Geselle gleich Verbesserungsvorschläge für Hundebesitzer ans Herz.

Kassel. Das Rennen um Kassels Oberbürgermeister-Posten ist eröffnet. Vier Kandidaten haben bislang ihren Hut in den Ring geworfen. SPD-Kandidat Christian Geselle macht Hausbesuche.

Wir haben ihn dabei begleitet. Hinter der Wohnungstür schlägt bedrohliches Gebell hoch. Ein gelbes Schild mit der Silhouette eines Pitbull warnt vor dem Hund. Christian Geselle nimmt zwei Armlängen Abstand von der Tür – allerdings nicht, weil ihm bange ist. Nach dem Klingeln geht er immer erstmal auf Distanz. „Damit die Leute sich nicht bedrängt fühlen oder denken, das wäre eine Drückerkolonne“, sagt der OB-Kandidat.

Seit September ist der Sozialdemokrat, der Nachfolger von Oberbürgermeister Bertram Hilgen werden will, unterwegs an den Türen der Kasseler. „Wahlkampf der 10.000 Gespräche“ lautet sein Motto. An diesem Nachmittag ist der 40-Jährige in der John-F.-Kennedy-Siedlung in Harleshausen unterwegs.

Jetzt macht ihm Katja Leder auf. Ihr schwarzer Mischling schnuppert neugierig am Besucher. Geselle trägt sein Haustür-Programm vor: stellt sich als OB-Kandidat vor, weist auf die Wahl am 5. März hin und drückt seinem Gegenüber eine Postkarte in die Hand. „Darauf können Sie mir Ihre Ideen für Kassel schreiben“, erklärt er. Da fällt der Harleshäuserin gleich etwas ein: „Bessere Möglichkeiten für Hundebesitzer“. Geselle fragt genauer nach. Die Automaten mit den Plastikbeuteln für Gassigeher seien ständig leer und stünden an den falschen Stellen, wird die 43-Jährige konkret. Da klingelt es wieder bei ihr: eine Paketbotin. Geselle zieht weiter. In den zwei Stunden, die er sich für die Hausbesuche genommen hat, will er möglichst viele Menschen erreichen.

Sympathie für den Sozialdemokraten: Claudia Haupt fand es gut, dass der OB-Kandidat vorbeikam. „Jetzt hat man einen persönlichen Eindruck.“

Laut einer Emnid-Umfrage von 2013 würden zwei Drittel der Deutschen Wahlkämpfern nicht aufmachen. Bei dem Rundgang in Harleshausen bietet sich ein anderes Bild. Wo jemand zuhause ist, machen ihm fast alle Menschen auf und lassen sich auf ein kurzes Gespräch ein. Nur dreimal wird der Türsummer nicht gedrückt: „Ich bin krank“, „Ich backe gerade Plätzchen“, „Ich kann gerade nicht“ lauten die Absagen.

Claudia Haupt öffnet dem unangemeldeten Besucher. Als sie erfährt, dass es der OB-Kandidat ist, guckt sie ungläubig: „Und da gehen Sie an jede Haustür und sagen Guten Tag?“ Neugierig wendet die 64-Jährige die Wahlwerbung in der Hand. „Und von welcher Partei sind Sie?“ Auf der Karte findet sich dazu kein Hinweis. Geselle setzt auf einen Persönlichkeits-Wahlkampf. Nur das Rot der Kulis, die er überreicht, gibt einen Hinweis auf die Parteizugehörigkeit – die er natürlich bereitwillig aufklärt.

Für seine Ideensammlung hat die Musikpädagogin spontane Vorschläge parat: Mehr bestuhlte Konzerte im Kulturzelt fände sie gut. Geselle verspricht, den Wunsch an die Veranstalter weiterzugeben. Und geärgert habe sie sich neulich, sagt Haupt: Zur Eröffnung einer Ausstellung mit Kunst von Behinderten habe der OB nur eine Videobotschaft geschickt. „Da muss doch ein Vertreter der Stadt kommen!“ kritisiert sie.

Dachte erst, der Oberbürgermeister klingelt: Mario d’Assenza mit Hündchen Bella zollte dem OB-Kandidaten Respekt für seine Mühe. Foto: Fischer

Bei Erika und Mario d’Assenza ist die Aufregung kurzzeitig groß, als es klingelt. Über die Sprechanlage hatten sie verstanden, der OB stünde vor dem Haus. Aber auch, als sich klärt, dass es lediglich der Anwärter für den entschuldigt sich zunächst für die dreckigen Hände: Er habe gerade Reifen gewechselt.

Ein paar Türen weiter öffnet ein älterer Mann in Karohemd und Cordhose. Er hat schon mitgekriegt, dass nächstes Jahr OB-Wahl ist. „Ich habe ganz andere Probleme“, erzählt er. Seine demenzkranke Frau sei vor Kurzem ins Altenheim gekommen und er wisse nicht, wie er die 1500 Euro Zuzahlung pro Monat stemmen solle. Christian Geselle, im Hauptberuf Sozialdezernent und Kämmerer, rät dem Mann, Hilfe zur Pflege zu beantragen und weist ihn auf die Beratungsstellen der Stadt hin.

Es wird das längste und bewegendste Gespräch an diesem Nachmittag. Am Ende scheint der alte Mann ein wenig erleichtert. „Schön, dass ich Sie kennengelernt habe“, verabschiedet er seinen Besucher. Christian Geselle hält kurz inne und atmet tief durch, bevor er die nächste Klingel drückt.

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