Täglich macht er Spaziergänge im Habichtswald

Seit neun Jahren ungeküsst: Blinder Waldläufer aus Kassel sucht Partnerin

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Täglich im Habichtswald unterwegs: Per Busch und seine zwölfjährige Labradorhündin Peggy kennen alle Wege rund um Harleshausen.

Kassel. Bei einem Unfall hat Per Busch aus Kassel sein Augenlicht verloren - seinen Humor allerdings nicht.

In seinem Blog schreibt er auch über die Such nach Liebe: Neun Jahre ist es her, dass er eine Frau geküsst hat. Per Busch würde gerne mal wieder jemanden kennen lernen, sich verlieben. Einfach mal schauen, ob es nicht doch noch mal funktionieren könnte mit einer Beziehung.

Datingplattformen, soziale Medien, Kontaktanzeigen – in der heutigen Zeit gibt es viele Möglichkeiten, einen Partner zu finden. Allerdings ist es für einen blinden Menschen deutlich schwieriger. „Viele reduzieren mich erst mal nur auf dieses Handicap“, sagt der 49-Jährige.

Die Vorteile, die man hat, wenn man mit einem blinden Menschen zusammen ist, liegen aus seiner Sicht klar auf der Hand: „Ich kann keiner anderen Frau auf den Po gucken und man kann einfach immer ungeschminkt im Jogginganzug rumlaufen, mir würde das eh nie auffallen.“ Seinen Humor hat Busch nicht verloren, darüber schreibt er auch auf seinem Blog „Du bist blind“ – mal realistisch, mal lustig, mal ironisch.

Unfall vor 25 Jahren veränderte alles

Ein Unfall hat vor 25 Jahren alles verändert. Bei einer Explosion verlor Busch sein Augenlicht. Seitdem sieht er nichts mehr, selbst Schatten nimmt er nicht wahr. Mitleid möchte er keins. Manchmal begegne er Menschen, deren erste Worte einfach nur sind: „Schon immer?“ Das nervt ihn.

Ein Kind hat ihn kürzlich gefragt, ob er nicht auf Sehende neidisch ist und dass die Blindheit ihm vieles unmöglich macht, was für Sehende normal ist. „Neidisch ist vielleicht das falsche Wort“, sagt er, aber manchmal mache es ihn schon traurig zu wissen, dass andere Familie haben und mit ihren Kindern in den Urlaub fahren und das bei ihm nicht so sei.

Fast jeder stellt von sich Urlaubsfotos und Selfies in glücklichen Lebenslagen auf Facebook, Instagram oder eben Datingplattformen – oft sind es eben doch Oberflächlichkeiten, die zählen. Wie jemand aussieht, das ist Busch egal. Wenn man selbst nie vor dem Spiegel stehen und irgendwas an sich korrigieren kann, dann macht man sich irgendwann über Äußerlichkeiten keine Gedanken mehr.

Soziale Medien unverzichtbar für Per Busch

Busch hat sich Empfehlungen geben lassen, welches Motiv sich vom Format her für Facebook eignet – denn dort möchte Busch gerne präsent sein. Soziale Medien wie Facebook und Twitter sind für ihn mit technischen Hilfsmitteln eine unverzichtbare Kommunikationsmöglichkeit.

Aber engere Kontakte zu finden, ist dann doch schwierig. „Viele wissen nicht, wie sie mit einem blinden Menschen umgehen sollen“, sagt Busch. Irgendwo kann er das verstehen, das sei bei ihm ähnlich gewesen. „Ich bin niemand, der nichts alleine kann. Ich bitte nur ungern um Hilfe. Hilfe ist ein Joker für Notsituationen.“

Sein Schicksal hat der 49-Jährige angenommen. Er hat gelernt, damit umzugehen, sich in seinem gewohnten Umfeld ohne Hilfe zurechtzufinden. „Kochen konnte ich noch nie, das kann ich auch jetzt nicht besonders gut – zumindest nicht auf drei Platten.“

Jeden Tag ist Busch mit seiner Hündin Peggy im Habichtswald unterwegs. „Mein Wald ist der Schönste“, sagt er. „Da liegt kein Müll rum, der Wald bleibt einfach so, wie er in meiner Erinnerung ist.“ Bilder hat Busch viele im Kopf. Ein Vorteil gegenüber Menschen, die von Geburt an blind sind. Wenn er in einer Situation ist, die er schon mal erlebt hat, dann sind seine Erinnerungen präsent und er kann, was er erlebt, mit bunten Bildern füllen.

Wenn Busch auf der breiten Forststraße entlanggeht, dann merkt man nicht, dass er diesen Weg nur in seiner Vorstellung sieht. Er läuft sicher – ohne Blindenstock. Den nutzt er nur auf schmalen Pfaden.

Viele Hundebesitzer sind dort unterwegs. Die anderen Hunde stürmen zur Begrüßung auf Busch zu. Er braucht nicht lange zu überlegen, wer an ihm hochspringt. Seine Hände erkennen die Tiere – auch wenn die Besitzer noch weit entfernt sind. Der ungestüme Barney oder die zurückhaltende Boxerhündin Bailey – sie alle werden von Buschs Händen begrüßt.

App zur Orientierung

Ob er sich auf dem richtigen Weg befindet, das hört Busch. Im Sommer ist es leicht, den Pfaden zu folgen. Im Herbst wenn überall Blätter liegen, dann wird es schwieriger. Hier nutzt Busch eine App, in die er Punkte zur Orientierung einprogrammiert hat.

Während seines Studiums hat er in der Nähe der Uni gewohnt. „Aber ich kann nicht gut damit umgehen, wenn es sehr laut ist“, sagt er. Wenn viele Geräusche auf ihn einprasseln, bedeutet das für ihn Stress. Deshalb schätzt er den Wald und verbringt viel Zeit an seinen Lieblingsplätzen – eine Bank am Geilebach, eine alte Buche, auch zum Herkules läuft er regelmäßig. Manchmal pfeift er vor sich hin. Ihm selbst fällt das nicht auf, aber Freunde, die ihm begegnen sagen, dass man daran seine Laune erkennen kann.

Über kuriose Situationen oder seine Erfahrungen im Alltag schreibt Busch auf seinem Blog. Manchmal informativ, manchmal ironisch. Auf seine Anekdoten ist er besonders stolz. Seine Freunde sagen: Wenn man ihn kennt, dann weiß man, das ist typisch Per.

Busch würde gerne mal wieder verreisen, die Eindrücke aus fremden Ländern aufnehmen. Zuletzt war er mit seinem Vater unterwegs und auch mal mit einer Bekannten. „Aber wenn man sofort wieder so abhängig ist, dann macht es das schwierig“, sagt er.

In Beziehungen sei das anders gewesen, weil man da ja eh schon irgendwie von einander abhängig sei. Deshalb wäre es schön, wenn es noch mal klappen würde mit dem Verlieben – wenn nicht, wird aus dem Dating vielleicht eine neue Anekdote für seinen Blog.

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