Hier wurde die Mülltrennung erprobt

Sie wurden einst als Birkenstockträger belächelt: 35 Jahre Ökosiedlung in Kassel

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Mitgründer und Ideengeber der Ökosiedlung: Gernot Minke in seinem Lehmkuppelhaus. Es ist das zweite Haus, das er in der Siedlung gebaut hat.

Visionäre wurden schon oft zunächst als Spinner abgetan: Nicht viel anders ging es den Gründern der Ökosiedlung am Wasserturm in Harleshausen, die vor 35 Jahren entstanden ist.

Vieles, was dort schon damals umgesetzt wurde, ist heute weit verbreitet oder sogar selbstverständlich. So wurde dort nicht nur ökologisch gebaut, sondern auch erstmals die Mülltrennung in der Stadt eingeführt.

Ideengeber der Siedlung war der Architekt, Hochschulprofessor und Maler Gernot Minke. Über 35 Jahre lang lehrte der heute 82-Jährige an der heutigen Universität Kassel und leitete das Forschungslabor für Experimentelles Bauen. Vor allem der Lehm hat es ihm als Baustoff angetan. Minkes Lehmkuppel-Bauten hat er nicht nur weltweit an 50 Orten realisiert, sondern auch in seinem eigenen Haus in der Ökosiedlung.

Eingang des Lehmkuppelbaus: Hier ein Bild aus der Anfangszeit. Inzwischen ist er zugewachsen.

Deren Anfänge liegen im Jahr 1981. Damals verfasste Minke seine Idee in einem Konzept. Er versuchte, die Stadt für sein Projekt zu gewinnen. „Sie boten mir ein Grundstück an, das sie nicht verkaufen konnten“, erzählt Minke. Damals befand sich am Standort eine Obdachlosensiedlung und zudem war der Lärm des Ausbesserungswerks der Bahn nicht weit. „Es hat mich gereizt, aus dem Areal etwas zu machen“, so Minke.

Kurz nach der Fertigstellung: Häuser des ersten Bauabschnittes der Ökosiedlung.

Doch nun mussten erst mal Bauherren gefunden werden. Gemeinsam mit dem Kasseler Architekturbüro Hegger, Hegger-Luhnen, Schleiff gelang dies. Und so starteten im Jahr 1984 die Bauarbeiten. „Wir wurden damals als Müsliesser und Birkenstockträger bezeichnet“, erinnert sich Doris Hegger-Luhnen, die bis heute in der Siedlung lebt. Der Häuserbau aus Holz und Lehm sei damals von vielen belächelt worden. Es habe sogar einen Anschlag von Rechten auf die Baustelle gegeben, erinnert sich Günter Schleiff. 15 Häuser entstanden in den ersten beiden Bauabschnitten bis zum Jahr 1990.

Minkes erstes Wohnhaus: Dieses Haus war das allerste in der Ökosiedlung. Es ist ein Doppelhaus.

Die Bauherren, die lange Gruppendiskussionen pflegten, hatten sich klare Regeln aufgestellt: So waren Gründächer verpflichtend, die es damals in Kassel noch nicht gab. Auch die Autos wurden in Carports außerhalb der Siedlung verbannt. Es war eine auto- und zaunfreie Zone. „Ein Paradies für Kinder“, erzählt Hegger-Luhnen.

Blick über die Siedlung: Die Mitbegründer und Bewohner der Ökosiedlung Doris Hegger-Luhnen und Günter Schleiff auf einem der Gründächer.

Die Wege in der Siedlung wurden nicht versiegelt, damit das Regenwasser versickern kann. In Zisternen wurde es für die Gartenbewässerung gesammelt. Um die Wärme der Sonne im Winter zu nutzen, wurden Wintergärten auf der Südseite angelegt. Die dreifachverglasten Fenster mussten damals in Schweden bestellt werden – hierzulande gab es so etwas nicht. Ein Unikum war die Mülltrennung. Diese wurde in der Siedlung in Kassel erstmals erprobt. „Wir bekamen eine entsprechende Ausnahmegenehmigung von der Stadt“, erzählt Minke.

Indianisch inspiriert: Blick in Minkes erstes Haus.

Dessen Häuser fallen besonders ins Auge. Sein erstes, die „Villa Oktogonda“, hatte er 1985 fertiggestellt. Für deren oktogonale Holzdeckenkonstruktion hatte er sich von traditionellen Indianer-Häusern inspirieren lassen.

1993 hatte Minke sein neues Haus in der Ökosiedlung errichtet. Das Gebäude besteht aus fünf großen Lehmkuppeln und vier kleineren. Sie sind mit einer 16 Zentimeter dicken Erdschicht bedeckt, auf der Wildkräuter wachsen. Für Licht sorgen runde Oberlichter.

Gerade an so heißen Tagen wie jetzt zeigt das Haus, was es kann. „Es ist hier nie wärmer als 26 Grad – selbst wenn es draußen 38 Grad warm ist“, erzählt Minke. Auch im Winter fällt die Temperatur im Gebäude nicht unter 20 Grad. Dafür sorgt zum einen die Erdschicht mit dem Bewuchs, die wie ein Puffer funktioniert. Zudem wirkt der Lehm wie ein Speicher und gleicht so starke Temperaturschwankungen aus.

Zudem ist Minkes Haus nicht nur schadstofffrei – die Wände wurden mit einer Mischung aus Magerquark, Kalkpulver und Lehm gestrichen – sondern auch äußerst langlebig. In den 26 Jahren musste er noch keine Reparaturen vornehmen. „Das Einzige, was kaputt gegangen ist, waren die Heizung und eine Wasserarmatur. Das sind aber Industrieprodukte“, sagt der Architekt und lächelt.

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In seinem Haus, das wegen seines Bewuchses auf Google Earth kaum erkennbar ist und ein wenig an die Behausungen der Hobbits in „Herr der Ringe“ erinnert, blieb Minke nicht immer ungestört. Viele Interessierte führte er durch seine Räume. Manchmal turnten aber auch ungebetene Gäste auf seinen Kuppeln herum. „Eines Tages fuhr eine schwarze Limousine vor und Japaner in dunklen Anzügen stiegen aus. Einen habe ich erwischt, wie er durch das Oberlicht meiner Küche fotografierte“, erzählt der emeritierte Professor.

In den 90er-Jahren entstand dann unter der Federführung der Stadt noch ein dritter Bauabschnitt der Ökosiedlung. Dort galten aber längst nicht mehr so strenge Auflagen, was Minke bedauert.

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