Luxusdampfer im Wohngebiet

Stadt genehmigt umstrittenen Neubau in Harleshausen

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Wohnen im Grünen: Das neue Mehrfamilienhaus entsteht direkt am Waldrand.

Harleshausen. In Harleshausen hat die Stadt Kassel einen umstrittenen Neubau genehmigt, der den Wald verdrängen dürfte. Das ärgert Anwohner.

Wenn Wolfgang Dybowski in seinen Garten geht, fühlt er sich wie im Hamburger Hafen. Denn neben seinem Grundstück an der Lerchenfeldstraße im Kasseler Stadtteil Harleshausen entsteht seit vorigem Sommer ein kaum zu übersehender Neubau, der für Ärger im Quartier an der Grenze zu Kirchditmold sorgt. „Das ist wie ein Luxusdampfer, der in eine Ein-Familienhaus-Siedlung einzieht“, sagt er.

Für Dybowski ist es ein Beispiel für die missratene Praxis der Stadt Kassel, Baugenehmigungen „ohne Rücksicht auf Verluste“ zu erteilen. Weil er den Wert seines Grundstücks gemindert sieht, will er auf Entschädigung klagen. Bis der Bau nebenan anfing zu wachsen, „hatten wir bis abends Sonne“, jetzt liegt der Garten ab Nachmittag im Schatten.

Er sieht Parallelen zu dem Bau von zwei Stadtvillen an der Kurhausstraße am Mulang in Wilhelmshöhe. Deren Bauplan war im Herbst 2014 vom Hessischen Verwaltungsgerichtshof (VGH) für unwirksam erklärt worden. Der Stadt Kassel drohen deswegen Entschädigungszahlungen.

Als Dybowski sein Haus vor etwa 18 Jahren baute, musste er noch einen Abstand von 35 Metern zum Waldrand einhalten. Doch die Regel gilt nicht mehr. Deswegen kann ihm das neue Gebäude nicht nur die Sonne nehmen, sondern auf lange Sicht vermutlich auch ein Stück vom Wald.

Denn auf der gegenüberliegenden Straßenseite, in fünf bis zehn Meter Entfernung stehen etwa 25 Meter hohe Bäume, die im Fall eines Falles auf das neue Haus stürzen und es beschädigen dürften. Der Landesbetrieb Hessen-Forst habe als Waldbesitzer zu dem Bauvorhaben keine Stellungnahme abgegeben, weil die Stadt Kassel nicht angefragt habe, sagte Dieter Schorbach vom Forstamt Wolfhagen.

Und selbst wenn, wäre diese nicht bindend gewesen. Der Mindestabstand von 35 Metern zum Waldrand sei mit einer Gesetzesreform in Hessen im Jahr 2002 aufgehoben worden, sagte Schorbach.

Vielmehr sei nun der Waldbesitzer, also Hessen-Forst, in der Verkehrssicherungspflicht. Das Forstamt müsse dafür sorgen, dass keine Bäume auf das neue Gebäude fallen. Und falls doch, müsse Hessen-Forst für den Schaden aufkommen, so Schorbach. Vorsorglich gefällt werden sollen deswegen keine Bäume, aber nun müsse in kürzeren Abständen als bisher kontrolliert werden.

Kann es sein, dass die Stadt auf diesem Weg immer weiter wächst und den Wald so zurückdrängt? „Der Eindruck täuscht nicht“, antwortete Schorbach auf die Frage. Eines werde jedoch „nie und nimmer“ passieren, versicherte er. Das Forstamt werde an der Lerchenfeldstraße „nicht einen Quadratzentimeter Wald“ verkaufen, damit weiteres Bauland entsteht.

Kein Vorwurf an Nachbar

Keinen Vorwurf macht Wolfgang Dybowski übrigens dem Kasseler Bauunternehmer Mehmet Süngü, der das 600 Quadratmeter große Grundstück gekauft hat. Auch Dybowski war es im Frühjahr 2014 angeboten worden. „Er macht nichts Unrechtes“, sagte er. „Schließlich hat er eine offizielle Baugenehmigung.“ Verantwortlich sei die Stadt Kassel. In dem Haus entstehen derzeit vier Wohneinheiten zu je 90 Quadratmeter.

Er selbst habe das bis dahin brachliegende Gartengrundstück nicht kaufen wollen, weil er wegen der nicht mehr geltenden Abstandsregel davon ausging, dass es nicht bebaut werden dürfe und ihm der Preis zu hoch war, sagte Dybowski. „Das war mein Fehler, ich hätte mich erkundigen sollen, dann hätte ich mir den Ärger erspart.“

Das sagt die Stadt Kassel

Eine für ihn schlüssige Erklärung hat Wolfgang Dybowski auf Anfrage nicht von der Stadt Kassel bekommen, warum der Bau des Hauses auf dem Nachbargrundstück so genehmigt wurde. Auf die Anfrage der HNA schickte die städtische Pressestelle folgende Antwort, die wir hier auszugsweise dokumentieren:

Auf welcher Grundlage ist dem Bauherren die Genehmigung zur Errichtung dieses Hauses erteilt worden?

Stadt Kassel: Grundlage der Baugenehmigung ist zunächst der einfache Bebauungsplan 4 NW vom 07.05.82, der ein reines Wohngebiet mit max. zwei Vollgeschossen als Höchstgrenze festsetzt. Die Grundflächenzahl (GRZ) beträgt 0,4, die Geschossflächenzahl (GFZ) 0,5. Bei einfachen B-Plänen erfolgt die planungsrechtliche Beurteilung nach § 34 BauGB ...

Warum mussten die genannten Abstandsregeln (35 Meter zum Waldrand) nicht eingehalten werden?

Stadt Kassel: Bis zur Einführung der HBO 2002 enthielt der § 6 Abs. 15 HBO 1993 die Forderung: „Zwischen baulichen Anlagen und Wäldern, Mooren und Heiden ist ein zur Vermeidung einer Gefahr erforderlicher Abstand zu wahren.“ Nach Wegfall des § 6 Abs. 15 HBO 1993 kann die Forderung eines zur Vermeidung einer Gefahr erforderlichen Abstandes gem. den geltenden Festsetzungen der HBO nicht hergeleitet werden. Die Befreiung von den Festsetzungen des Fluchtlinienplanes Nr. KA 89 vom 10.05.1963 ist gem.

§ 31 i. V. mit § 23 BauGB sowie i. V. mit § 63 HBO erteilt worden. Eine Überschreitung des Fluchtlinienplanes von 5 Meter ist ... genehmigt.

Warum gibt es keine Parallelen zu dem Fall in Bad Wilhelmshöhe?

Stadt Kassel: Das Planungsrecht ist in der Kurhausstraße über einen Vorhaben- und Erschließungsplan geregelt worden, darauf aufbauend sind die Baugenehmigungen erteilt worden.

Übrigens: 2007 hatten die Stadtverordneten beschlossen, dass sich das Rathaus verständlich ausdrücken soll.

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