"Unser kapitalistisches Leben - Ihre Klimakrise"

Das hat der Herkules noch nie gesehen: Klimaprotest an Kassels Wahrzeichen

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So etwas hat der Herkules noch nie gesehen: Für eine halbe Stunde brachten Klimaaktivisten zu den Wasserspielen ein Transparent in luftiger Höhe an.

Mit einer spektakulären Aktion haben Umweltschützer am Kasseler Herkules gegen den Klimawandel protestiert. Von Besuchern der Wasserspiele gab es Zustimmung für die illegale Aktion.

Für einen Moment sieht es so aus, als würde der spektakulärste Protest, den der Herkules je gesehen hat, ins Wasser fallen. Kurz vor Beginn der Wasserspiele am Mittwochnachmittag bringen Aktivisten der Initiative „Klimagerechtigkeit Kassel“ am Wahrzeichen der Stadt ein acht mal acht Meter großes Transparent an – doch zunächst entrollt es sich nicht, dann weht der Wind es hoch, und schließlich regnet es.

Doch wenig später sehen 500 Besucher der Wasserspiele die Aufschrift: „Unser kapitalistisches Leben. Ihre Klimakrise. Für eine Politik, die keinem eine Grube gräbt.“ Damit wollen die Protestler in der Klimastreikwoche darauf aufmerksam machen, dass die Folgen unseres Lebensstils vor allem der Süden zu spüren bekommt.

Als das Plakat hängt, fragt ein Besucher eine Asiatin, ob sie wegen des Protests zum Herkules gekommen sei. Nein, sie wollte nur zu den Wasserspielen, antwortet die junge Frau, aber die Aktion findet sie toll.

Klimaprotest-Aktion war streng geheim

Von der hatte vorab niemand gewusst, alles war streng geheim. Zivilen Ungehorsam kann man nicht anmelden wie eine Demo. Die Aktion gestern war genauso illegal wie die im Februar, als sich die Umweltschützer mit einem Transparent von der Galeria Kaufhof abseilten.

Juri Nadler von Klimagerechtigkeit Kassel.

Gestern kauften ein Dutzend Aktivisten Studententickets im Besucherzentrum und schmuggelten das Transparent nach oben. Mehrere Tage haben sie daran gebastelt. Geprobt wurde die Aktion dann am Vorabend in einem Park, wie Klimagerechtigkeit-Sprecher Juri Nadler sagt.

Fragt man seine Mitstreiter, wie es sich anfühlt, etwas Verbotenes zu tun, sagen sie: Prima, es sei ja für eine gute Sache. Eine Aktivistin erzählt, dass sie weiche Knie hatte, als sie über die Brüstung auf dem Oktogon stieg. Danach spürte sie nur noch Adrenalin. Das Transparent befestigten die Aktivisten nicht am Gerüst, sondern am Bauwerk selbst. Sie sind keine Anfänger, sondern haben auch schon bei „Ende Gelände“ im Rheinland für den Kohleausstieg demonstriert.

Klimagerechtigkeit Kassel - Zustimmung aus der Bevölkerung ist groß

Als sie ihre Kasseler Gruppe vor zwei Jahren gründeten, waren sie zu zehnt. Heute gibt es bis zu 50 Aktivisten. „Seit Fridays for Future hört das nicht mehr auf“, sagt Nadler. Auch die Zustimmung aus der Bevölkerung wird immer größer. „Sie haben ja recht“, sagt ein Ordner. Einer seiner Kollegen ruft trotzdem die Polizei. Erst vergangenen Freitag hatten laut Veranstalter rund 15.000 Menschen an der Klima-Demo in Kassel teilgenommen.

Die hatte am Vortag bereits eine unangemeldete Straßenblockade in der Innenstadt aufgelöst, für die die Gruppe Extinction Rebellion verantwortlich war. Als die Polizisten nun den Herkules erreichen, sind die Aktivisten schon auf dem Nachhauseweg. Damit hatten sie selbst nicht gerechnet. Ihr Kaufhof-Transparent hatten sie erst im August wiederbekommen, nachdem ihr Verfahren eingestellt worden war.

War der Protest am Herkules nun der Gipfel? Was kann es Größeres geben, als ein Transparent an Kassels Wahrzeichen zu enthüllen, was sich laut Museumslandschaft Hessen Kassel noch niemand getraut hat? „Mir fällt da einiges ein“, sagt Nadler. Was, das verrät er aber nicht.

Service: Von Donnerstag bis Samstag organisieren Klimagerechtigkeit Kassel, Fridays for Future, Extinction Rebellion und die Falken im Nordstadtpark ein Klimacamp. klimacampkassel.wordpress.com

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