Unterführung am Kulturbahnhof sorgte bei dX für Furore, ansonsten blieben die Tunnel im Schatten

Hauptsache, schnell unten durch

Treppen als Hindernis: Mit Kinderwagen war der Tunnel am Rathaus nur schwer zu bewältigen. Unser Foto entstand 1968. Archivfoto: Baron

kassel. Einst rühmte man sie als wegweisend, nun werden die Fußgängertunnel nach und nach zugemacht. Sie gelten als Relikte einer überholten Verkehrspolitik, die Autofahrern Vorrang einräumte. Viele Jahrzehnte lang wurden Fußgänger und Radfahrer durch dunkle Unterführungen geschickt, damit oben der Verkehr ungestört rollen konnte.

Damit soll Schluss sein. Überwege statt Unterführungen - so lautet nun die Parole der Verkehrsplaner. Denn die unwirtlichen und meist übel riechenden Passagen im Kasseler Untergrund sind für viele Fußgänger Orte der Angst, an denen Bösewichte weitgehend unbeobachtet ihr Unwesen treiben können. Auch im Kasseler Polizeipräsidium geht man davon aus, dass die Abgeschiedenheit Straftaten begünstigt. 2008 und 2009 wurden laut Sprecherin Sabine Knöll jeweils 16 Fälle in den unterirdischen Gängen registriert wie Raub, Diebstahl, Körperverletzung und Drogenhandel. Kein Wunder, dass sich viele unwohl fühlen und die Tunnel so schnell wie möglich durchqueren. In einigen herrschte zumindest zeitweise Leben. In der Unterführung zwischen Treppenstraße und Hauptbahnhof, die 2005 geschlossen wurde, zogen gleich mehrere Läden Publikum an. Dort konnte man unter anderem Zeitungen, Obst und Kassel-Souvenirs erstehen. Und Socken, die documenta-Geschichte schrieben.

Dafür hatte dX-Leiterin Catherine David höchstpersönlich gesorgt. Mit ihren abfälligen Äußerungen über die Stadt und die in den Vitrinen ausgestellten Socken rief die Pariserin zwei clevere Kasseler auf den Plan, die 1997 kurzerhand die „sockumenta“ proklamierten - eine Parodie auf die Weltkunstausstellung.

Halb Kassel fuhr mit dem sockumenta-Aufkleber durch die Stadt. Promis wie Hans Eichel, damals hessischer Ministerpräsident, stifteten Socken für die Vitrinen. Der Tunnel war Teil des documenta-Parcours vom Kulturbahnhof zum Fridericianum. Es gab ein Sockenmagazin, Poster und eine Party. „Kassel, deine Socken locken“, lautete das Credo. Madame war blamiert, Kassel rehabilitiert.

Die Kunst spielte auch in der Unterführung an der Trompete eine Rolle. In einem Schaufenster zeigten Künstler ihre Arbeiten - willkommene Überraschung in der ansonsten trostlosen Passage. Die Unterführung gibt es immer noch, die ungewöhnliche Galerie schon lange nicht mehr.

Rollstuhlfahrer und gehbehinderte Menschen haben ihre Mühe mit den Unterführungen. Nicht nur wegen der Treppen. Auch die Rampen entsprechen nicht ihren Anforderungen. Sie sind zu steil. Dennoch verabschieden sich nicht alle Kasseler leichten Herzens von den Unterführungen. Das bekommen auch die Planer im Amt für Straßenverkehr und Tiefbau zu spüren. „Es gibt viel Kritik aus der Bevölkerung“, sagt Planer Heiko Lehmkuhl.

Von Ellen Schwaab

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