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Vogelschutz: Das sollten Hauseigentümer beim Heckenschnitt beachten

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Von: Bastian Ludwig

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Ein Mann schneidet mit einer elektischen Schere eine Gartenhecke.
Beim Heckenschnitt gilt Zurückhaltung: In der Vogelschutzzeit dürfen nur die jungen Triebe der Hecken entfernt werden, um die Rückzucksorte der Tiere nicht zu zerstören. © dpa

Im Sommer explodieren die Gärten. Mancher versucht, mit der Garten- und Heckenschere dem Grün Einhalt zu gebieten. Nicht selten geht das auf Kosten der Vögel, für die eine gesetzliche Schutzzeit gilt.

Kassel - Aber auch bei Bauarbeiten am Haus muss der Vogelschutz beachtet werden. Wir sprachen mit Britta Bachmann, Leiterin der Unteren Naturschutzbehörde in Kassel darüber, auf was Hauseigentümer achten sollten.

Frau Bachmann, welches sind die häufigsten Verstöße, die von der Unteren Naturschutzbehörde festgestellt werden?

Das Gros der Fälle, mit denen wir es zu tun haben, bezieht sich auf eine Verletzung der gesetzlichen Schutzzeit. Dabei geht es um den Erhalt von Büschen, Hecken und Sträuchern als Rückzugsort und Lebensstätte für die Vögel. Von Anfang März bis Ende September dürfen diese nicht stärker zurückgeschnitten, auf den Stock gesetzt oder gar beseitigt werden.

Welche Art von Rückschnitt ist denn in der Schutzzeit erlaubt?

Maximal erlaubt ist ein Form- und Pflegeschnitt. Dabei darf nicht in das Altholz geschnitten, sondern nur der Zuwachs des Jahres entfernt werden. Bei schnell wachsenden Arten können das auch mal mehr als 20 Zentimeter sein, bei anderen deutlich weniger. Der Zuwachs ist an der helleren Grünfärbung der Blätter oder Nadeln erkennbar, die Triebe sind zudem noch nicht verholzt.

Damit ist die Sache doch eigentlich klar.

Das denkt man, doch für einige sind die Grenzen noch unklar. Das Argument lautet oft: „Die Hecke ist noch groß genug“ oder „Die schlägt doch wieder aus“. Wir wollen für die Auswirkungen sensibilisieren. Es geht schließlich um einen wichtigen Rückzugsort für die Vögel. Sie dient als Brutstätte, aber auch als Nahrungsquelle. Neben Früchten halten sich in Hecken, Büschen und Sträuchern nämlich auch viele verschiedene Insekten und Käfer auf, die für die Aufzucht der Jungvögel notwendig sind. Ebenso können Vögel sich hier bei Hitzewetter an einem schattigen und kühleren Ort aufhalten.

Gibt es auch Ausnahmen von den Schutzfristen?

Wenn Hecken weit in den öffentlichen Straßenraum gewachsen sind und die Verkehrssicherheit gefährdet würde, dann ist unter Umständen ein stärkerer Rückschnitt angebracht. Auch für Baumaßnahmen kann eine Entfernung von Sträuchern erforderlich sein. Dafür braucht es aber eine Ausnahmegenehmigung unserer Behörde. Dies gilt auch dann, wenn schon eine Baugenehmigung vorliegen sollte. Wir raten Eigentümern, bereits im Vorfeld der Unteren Naturschutzbehörde mitzuteilen, was sie vorhaben. Dann wird im Einzelfall geprüft, was die beste Lösung ist. Wobei wir immer die Interessen der Natur und der Eigentümer abwägen. In jedem Fall sollte vor dem Rückschnitt in die betroffenen Hecken und Büsche geschaut werden, ob sich dort Vögel aufhalten.

Wie ist es mit dem Schutz für die Bäume?

Die Baumschutzsatzung gilt für den städtischen Innenbereich und schützt alle Laub- und Nadelbäume ab einem gewissen Stammumfang vor einer Fällung. Bei Nadelbäumen gilt dies ab einem Meter Stammumfang, bei Laubbäumen ab 80 Zentimetern. Obstbäume sind ausgenommen. Dafür sind aber alle angeordneten Ersatzpflanzungen geschützt, unabhängig von ihrem Umfang. Für Bäume, die in Außenbereichsflächen stehen, also etwa am Rande eines Waldes oder eines Landschafts- beziehungsweise Naturschutzgebietes, gilt übrigens die Baumschutzsatzung nicht. Hier greift das Bundesnaturschutzgesetz, das jedes einzelne Gehölz schützt.

Welche Ausnahmen gelten?

Wenn ein Baum im Innenbereich der Stadt abgestorben ist, darf er entfernt werden. Oft halten Eigentümer Bäume fälschlicherweise für tot. Es kann sinnvoll sein, der Unteren Naturschutzbehörde ein Foto zu schicken, bevor man den Baum entfernt.

Wie beeinflussen Baustellen das Leben der Vögel?

Durch Arbeiten an der Fassade oder am Dach können Vögel, die dort ihr Nest gebaut haben, gefährdet werden. Natürlich gibt es großen Druck im Baugewerbe. Es gibt Lieferschwierigkeiten beim Material, Terminvorgaben und dann sollen Bauherren auch noch auf den Vogelschutz achten. Die fühlen sich mitunter ausgebremst. Wir haben dafür Verständnis - müssen uns aber gleichzeitig an das Gesetz halten. Wer sich rechtzeitig im Vorfeld einer Baumaßnahme mit uns in Verbindung setzt, um solche Fragen zu klären, ist auf der sicheren Seite. Das ist besser, als wenn wir einen Baustopp verhängen müssen, weil brütende Vögel gestört werden.

Welche krassen Fälle haben Sie erlebt?

Einmal wurde uns gemeldet, dass ein Eigentümer Mehlschwalbennester von seiner Hauswand abgeschlagen hat. Der Beschuldigte behinderte unsere Ermittlungen daraufhin und bedrohte gar Kollegen. Daher haben wir das Verfahren an die Staatsanwaltschaft abgegeben. In mehreren Fällen mussten wir schon die Sanierungsarbeiten an Gebäuden stoppen, weil ein Gerüst vor einer Fassade aufgestellt wurde, an der Mauersegler nisteten. Wichtig ist, dass die Einflugschneise für die Tiere frei bleibt.

Wer meldet die Verstöße?

In der Regel melden sich aufmerksame Bürger oder städtische Kollegen, die im Stadtgebiet im Einsatz sind. Die für die Baumschutzsatzung zuständige Kollegin ist täglich unterwegs. Pro Jahr zählen wir etwa 200 Meldungen, wobei nicht jede Meldung auch gleich einen Verstoß bedeutet. In rund 70 bis 100 Fällen müssen wir ein Ordnungswidrigkeitsverfahren einleiten. Mein Gefühl ist, dass die Sensibilität größer geworden ist. Natürlich wird es immer Menschen geben, die sich nicht an die Regeln halten. Die meisten sind aber zum Glück einsichtig. Wenn das erreicht ist, bin ich zufrieden.

Welche Strafen drohen?

Wer in der Schutzzeit die Gehölze stärker zurückschneidet als erlaubt, muss mit einem Bußgeld von bis zu 10 000 Euro rechnen. Werden Bäume, die nach der Baumschutzsatzung geschützt sind, oder Gehölze im Landschaftsschutzgebiet unerlaubt geschädigt oder beseitigt, kann die Geldbuße bis zu 100 000 Euro betragen. Bei Artenschutzvergehen als Ordnungswidrigkeit, wie etwa die mutwillige Zerstörung leerer Nester, sind Bußgelder bis zu 50 000 Euro möglich. Darüber hinaus können Artenschutzvergehen strafrechtlich verfolgt werden.

Zur Person: Britta Bachmann (51) ist seit Oktober 2020 Leiterin der Unteren Naturschutzbehörde der Stadt Kassel. Die Forstwirtin lebt in Wolfhagen und arbeitet seit 2001 bei der Stadt Kassel. (Bastian Ludwig)

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