"Zeitgenössischer Tanz ist die Stimme der globalisierten Gesellschaft"

"Heimat ist ein guter Mix aus vielen Dingen": So fühlt sich ein Tänzer, der in der Welt zu Hause ist

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Heimat ist auch eine Hängepartie: Tänzer Victor Rottier am Sprungbrett aus dem Bühnenbild von "you will be removed". Derzeit übt das Ensemble des Kasseler Staatstheaters im Technik- und Probenzentrum in Bettenhausen.

Tänzer sind die Prototypen der globalisierten Berufswelt. Sie arbeiten heute in New York und morgen in Schanghai. Die Heimat von Victor Rottier vom Kasseler Staatstheater ist darum nicht an einen Ort gebunden.

Als der niederländische Tänzer Victor Rottier vor einigen Jahren seinen Freunden sagte, dass er nach Deutschland ziehen werde, haben sie laut gelacht. Der 29-Jährige ist in Doetinchem aufgewachsen, nach Deutschland ist es von dort kürzer als bis zur nächstgrößeren Stadt Arnheim. In Grenzregionen, sagt Rottier, scherzt man gern über die jeweils andere Seite und fragt: "Was sind das für Leute dort drüben?"

Mittlerweile ist er in der vierten Saison am Kasseler Staatstheater engagiert. Am Ende dieser Spielzeit wird er in keiner Stadt so viel Zeit verbracht haben wie in Kassel. Rottier sagt, dass er in Nordhessen zuhause sei. Trotzdem wird er mit ziemlicher Sicherheit in nicht allzu ferner Zukunft woanders leben. Das ist das Schicksal eines Tänzers.

„Zeitgenössischer Tanz", hat der spanische Choreograf Nacho Duato einmal gesagt, "ist die neue Stimme der globalisierten Gesellschaft.” Und die Tänzer sind die Prototypen der globalisierten Berufswelt, in der man heute in Kassel, morgen in New York und übermorgen in Schanghai arbeitet. Die Ensemble-Mitglieder des Staatstheaters kommen aus der ganzen Welt. In keiner anderen Theatersparte ist die Fluktuation so hoch wie beim Tanz - unter anderem auch deshalb, weil der Körper die Strapazen nicht allzu lang mitmacht. Tanz ist ein Hochleistungssport wie der ebenfalls längst globalisierte Fußball - mit dem Unterschied, dass Rottier im Jahr nur einen Bruchteil dessen verdient, was sein Landsmann Arjen Robben beim FC Bayern München in einer Woche bekommt.

Rottier hat in Amsterdam, Arnheim und Tilburg studiert. Er war Streetdancer sowie mit Diana Ross auf Tour und hat eine Weile in Hannover gearbeitet. Nun wohnt er in der Nähe der Kasseler Kunsthochschule. Während seiner Zeit in Deutschland hat er angefangen, über seine Heimat nachzudenken. Anders als im Englischen gibt es im Niederländischen einen Begriff für Heimat: Thuis. Rottier fühlt sich seiner Thuis nun näher als früher, sagt er: "Heimat ist für mich ein guter Mix aus den Dingen, die ich früher gemocht habe, und den neuen Dingen, die ich an jedem anderen Ort aufsauge."

Das klingt nach einem sehr modernen Heimatbegriff. Wenn man ihn fragt, ob dieses Leben nicht hart sei, weil die Freiheit einen auch entwurzelt, antwortet er: "Das Leben der meisten Menschen ist hart." Als angestelltes Ensemble-Mitglied hat Rottier ein festes monatliches Einkommen. Viele seiner Freunde sind dagegen freie Tänzer, die sich von Projekt zu Projekt, von Stadt zu Stadt und von Land zu Land hangeln müssen: "Das ist ein richtig hartes Leben."

Er weiß nicht, wie lange er noch in Kassel bleiben wird. Manchmal schlägt er Tanzdirektor Johannes Wieland im Scherz vor, dass er und das ganze Ensemble doch nach Berlin gehen könnten. Gern würde Rottier noch einmal in einer Metropole arbeiten. Sein Lieblingsort in Kassel ist das Multikulti-Viertel zwischen Stern und Holländischem Platz, "weil es ein bisschen wie in Holland ist".

Zugleich zieht es ihn nach Italien, der Heimat seiner Freundin, die ebenfalls Tänzerin ist und in Bern lebt. Die meisten seiner alten Freunde sind in den Niederlanden geblieben. Sie haben feste Bürojobs, und manchmal klagen sie ihrem Kumpel, wie nervig es sei, jeden Tag 40 Kilometer mit dem Auto zur Arbeit zu pendeln.

Rottier radelt dagegen mit einem stylishen Fixie ohne Gangschaltung durch das hügelige Kassel und lebt auch sonst ein anderes Leben. Sehnt er sich nicht auch manchmal nach dem typischen Mittelklasse-Leben mit Haus, Familie und Garten? Klar will er irgendwann mit seiner Freundin zusammenleben, und warum nicht mit Haus und Hund? Er lacht dann so laut wie damals seine Freunde, als er sich nach Deutschland verabschiedete.

Victor Rottier ist mit dem Tanz-Ensemble des Kasseler Staatstheaters ab dem 6. Oktober in der Wiederaufnahme von Johannes Wielands Stück "you will be removed" zu sehen. Am 2. Dezember folgt die Uraufführung von "eternal prisoner", zwei Stücken von Wieland und dem israelischen Choreografen Tom Weinberger.


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