Vom Heimchen zur Erzieherin: Vor 125 Jahren wurde das Fröbelseminar gegründet

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In der Küche: Auch Kochunterricht gehörte zur Ausbildung. Das Foto entstand nach 1906 in dem Haus an der Lessingstraße.

Kassel. Seine Wurzeln hat das Fröbelseminar in Norddeutschland – in Kassel ansässig ist es erst seit 119 Jahren. In Emden eröffnete die Frauenrechtlerin und Fröbel-Anhängerin Bertha von Mahrenholtz-Bülow 1890 ein Kindergärtnerinnen-Seminar.

Sie hatte den Pädagogen, der 50 Jahre zuvor den ersten Kindergarten in Deutschland gegründet hatte, noch persönlich kennengelernt und setzte sich für die Verbreitung seiner Ideen ein.

Johanna Mecke

Mit dem Seminar, dessen Leitung Johanna Mecke hatte, wollten die Gründerinnen auch Frauen die Möglichkeit geben, einen Beruf auszuüben. Die Zahl der Schülerinnen war anfangs an zwei Händen abzuzählen. Auch weil der Landstrich in Ostfriesland nicht einzugsstark genug war, zog die Einrichtung in die Mitte Deutschlands und wurde 1896 in Kassel ansässig. Nach sechs Umzügen innerhalb der Stadt wurde 1906 ein Neubau an der Lessingstraße am Tannenwäldchen bezogen (siehe Zitat).

Die „Heimchen“, wie die Internatsschülerinnen genannt wurden, teilten sich zu viert oder zu fünft ein Zimmer. Die Wände durften sie ausdrücklich mit Bildern behängen, „weil die jungen Mädchen am Reinhalten dieser Staubfänger ihren Ordnungssinn üben, andererseits die Kunst, mit wenig Mitteln zu schmücken, dadurch entwickelt wird“.

Im Krieg zerbombt

Im Unterricht: Die Schülerinnen trugen sogenannte Reformkleider, die eine freie Bewegung ermöglichten, Korsetts waren verpönt.

Auf dem Lehrplan der angehenden Kindergärtnerinnen standen neben der „sittlich-religiösen Erziehung des Kindes“, Pädagogik und Gesundheitspflege auch Singen, Turnen sowie Handarbeit. Von Beginn an waren jeden Tag auch zwei Stunden Praxis in einem Kindergarten vorgesehen. Damals war der Besuch eines Kindergartens noch eine Ausnahme, die sich - entgegen der Vorstellungen Fröbels - nur wenige Familien leisten konnten. 1929 eröffnete die seminareigene Kindertagesstätte direkt um die Ecke an der Dingelstedtstraße. Bis heute gehört zum Fröbelseminar, das seit 1912 eine staatlich anerkannte Ausbildungsstätte ist, auch ein Kindergarten – heute an der Ahrensbergstraße angesiedelt. Während des Dritten Reichs wurde das Fröbelseminar an die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt zwangsverkauft. Anstelle der christlichen Erziehung und Bildung trat nur die Nazi-Ideologie. Bei dem verheerenden Bombenangriff auf Kassel im Oktober 1943 wurde das Haus an der Lessingstraße dann in Schutt und Asche gelegt, es folgte die Evakuierung nach Sontra.

1946 konnte die Ausbildungsstätte unter evangelischen Vorzeichen wiedereröffnen, im zerstörten Kassel war jedoch kein Haus zu finden. 1951 zog das Fröbelseminar wieder nach Kassel – erst an die Kuhbergstraße, später an die Hugo-Preuß-Straße.

Die Jugendleiterinnen-Ausbildung - ebenfalls seit Jahrzehnten eine Spezialität des Fröbelseminars - wurde 1971 an die neu gegründete Gesamthochschule ausgegliedert. Somit hat die heutige Uni Kassel auch Wurzeln in der christlichen Fachschule. 1986 kam dafür als neuer Zweig die Ausbildung zum Heilpädagogen für die Arbeit mit behinderten Menschen hinzu - als hessenweiter Vorreiter.

Seit 2006 ist das Fröbelseminar an der Sternbergstraße ansässig, mit einer Zweigstelle in Korbach. Unter der Leitung von Eckehard Zühlke hat die Einrichtung ein rasantes Wachstum hingelegt. Gab es zum 100-jährigen Bestehen vor 25 Jahren gerade mal 100 Studenten, sind es heute 800. Heute ab 11.30 Uhr findet ein öffentlicher Festgottesdienst in der Friedenskirche statt.

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