Der heißeste Hessentagsjob

Selbstversuch: HNA-Redakteur arbeitete am Schwenkgrill auf dem Königsplatz

Er kennt nun alle Dimensionen des Schwitzens: HNA-Redakteur Bastian Ludwig versuchte sich bei 33 Grad Außentemperatur am Schwenkgrill. Unmittelbar daneben ist es 60 Grad heiß. Foto: Schachtschneider

Kassel. Wissen Sie, wie sich eine Krakauer auf dem Grill fühlt? Ich wusste es bislang auch nicht, aber jetzt habe ich eine Vorstellung davon. Bei 33 Grad Außentemperatur stehe ich seit zwei Stunden am Schwenkgrill auf dem Königsplatz. Unmittelbar neben dem Grill ist es 60 Grad heiß, sagt mein Chef.

Willi Rudolph von Rudolph Gastronomie hatte mich eingeladen, den heißesten Hessentagsjob auszuprobieren. Was ich ihm verschwieg: Ich bin Vegetarier.

Auf dem Weg zu meinem Arbeitsplatz sehe ich das Hitzeflimmern auf dem Königsplatz. Ich male mir aus, wie selbst der leidensfähige Enthüllungsjournalist Günter Wallraff bei der mir bevorstehenden Recherche abwinken würde. Am Grill nimmt mich Elena Buzic unter ihre Fittiche. Die 41-jährige Kasselerin steht seit 18 Jahren am Grill – sie hat dort auch ihren Mann kennengelernt, als der hungrig zu ihr kam.

Während ich noch überlege, wie im Dunst des Grillfetts die große Liebe entflammen kann, stehen die ersten Kunden parat. Die drei Jungs wollen Bratwurst und fragen mich: „Da drin ist es sicher heiß?!“ Ich lächele bloß. Ganze Sätze sind zu anstrengend.

Noch etwas unbeholfen zerteile ich die 30 Zentimeter lange Wurst und packe sie in ein aufgeschnittenes Brötchen. Jedes Mal, wenn ich mit der Grillzange über dem Berg glühender Kohle hantiere, habe ich das Gefühl, dass sich die Härchen an meinen Armen vor Hitze kräuseln. Ich schwitze nicht nur, ich zerfließe.

Auf der anderen Seite der Königsstraße sehe ich Menschen im Schatten Bier trinken, zwei Mitarbeiter der Firma Netcom verteilen Eisbecher an Passanten. Zu mir kommen sie nicht.

Nachdem ich zwei Dutzend Würste und ein paar Steaks verkauft habe, gibt es das erste Trinkgeld für mich: 50 Cent. Mehr sollen es an diesem Nachmittag nicht werden. Elena erzählt mir, dass es am Grill kaum Trinkgeld gebe. Die Kollegen in ihrem Job würden oft abfällig beäugt. „Viele denken, wer am Grill steht, ist dick und doof“, sagt die gebürtige Rumänin, die diesem Klischee so gar nicht entspricht.

An meinem Grillstand arbeiten nur Frauen. Zwei männliche Hessentagsaushilfen waren nach dem ersten Arbeitstag nicht mehr gesehen. Einer ging nach einer Stunde.

Zu mir sind alle Kunden nett, nur drei leicht alkoholisierten Halbstarken aus Limburg geht meine Dienstleistung nicht schnell genug. Einer wird frech. Aber ich muss nett bleiben. Er ist Kunde.

Als ich durstig meinen Dienst beende, gibt mir Elena einen Tipp, wie ich den Fettgeruch an meinem Körper loswerde: „Geh in die Sauna, das mache ich auch immer, da schwitzt du alles raus.“ Ich sage „Guter Tipp“, belasse es aber bei einer kalten Dusche.

Von Bastian Ludwig

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