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„Möchte nicht nur reden“: Ehrenamtlicher hilft Kasseler Obdachlosen in der Eiseskälte

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Von: Claudia Feser

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Kevin Hüvelmann geht hin, wo viele wegschauen. Im Winter hilft er obdachlosen Menschen in Kassel.

Kassel – Jetzt, wo die Temperaturen auch tagsüber um null Grad liegen, ist Hüvelmann, 33, wieder regelmäßig in der Innenstadt und am Bahnhof Wilhelmshöhe unterwegs, um nach obdachlosen Menschen Ausschau zu halten, die in der Kälte Hilfe benötigen.

Das macht er meistens nach Schichtende oder am Wochenende; Hüvelmann ist Produktionsmitarbeiter bei Daimler. Oft sind auch Freunde oder Arbeitskollegen dabei. Warum er das macht? „Ich möchte nicht nur glauben und reden, sondern das Handeln sollte den sichtbaren Unterschied in der Welt machen.“

Vor zehn Jahren hat Hüvelmann zum christlichen Glauben gefunden, mehrere Menschen aus seinem engeren Umfeld waren gestorben, und er war ins Nachdenken gekommen, berichtet er. Hüvelmann hat sich für gelebte Nächstenliebe entschieden: Er will Bedürftigen helfen, die am Rand der Gesellschaft stehen. Zum Beispiel Obdachlosen.

Drei junge Männer sprechen einen Obdachlosen an der Unteren Königsstraße in Kassel an
Hilfe für Obdachlose in der Kälte: Kevin Hüvelmann (rechts) engagiert sich mit Freunden für Obdachlose im Winter. Das Bild entstand in der Innenstadt, an der Unteren Königsstraße. © privat

Deshalb geht er meistens abends zu den Plätzen, wo sich Menschen ohne Dach über dem Kopf aufhalten. „Denn die Nächte sind im Winter am schlimmsten.“ Er verteilt warme Schlafsäcke, die er von Spenden kauft, und hat immer warme Mützen und Handschuhe zum Verschenken dabei und heißes Wasser in Flaschen gegen die Kälte.

Obdachlose in Kassel: „Sie haben keine Chance auf Unterbringung“

Kurz vor Weihnachten war Hüvelmann mit Freunden am Bahnhof Wilhelmshöhe unterwegs und traf dort gegen Mitternacht und bei Minusgraden einen Mann ohne Socken und ohne Jacke. Er machte einen verwirrten Eindruck, sodass Hüvelmann ihn ansprach. Da am Bahnhof alle Läden bereits geschlossen hatten – auch die beheizten Schutzkabinen für wartende Reisende schließen um 22 Uhr – brachte er den Syrer zu einer nahe gelegenen Bankfiliale zum Aufwärmen.

Hintergrund

In Kassel gibt es 150 Menschen ohne festen Wohnsitz. Das teilt die Stadt auf HNA-Anfrage mit. Notschlafplätze werden für wohnungslose Menschen insbesondere vom Verein Soziale Hilfe und dem Sozial Center der Heilsarmee zur Verfügung gestellt und von der Stadt Kassel finanziert. „Die städtischen Maßnahmen und Kooperationen zum Erfrierungsschutz unterstützen alle Wohnungslosen im Stadtgebiet Kassel. Abgewiesen wird niemand“, teilt ein Sprecher mit. Die Obdachlosenunterbringung gelte unabhängig von Staatsangehörigkeit und Aufenthaltstitel. Der Stadt lägen keine Erkenntnisse über abweichendes Vorgehen bei den weiteren Akteuren der Wohnungslosenhilfe vor.

Wäre ein Wärmezelt im Winter eine Option für die Stadt? „Die bereits bestehenden Maßnahmen und Kooperationen decken den aktuellen Bedarf ab. Die Stadt Kassel würde bei Notwendigkeit weitere Maßnahmen ergreifen.“ In Kassel leben zudem 1107 Menschen in 722 Haushalten, die obdachlos geworden sind, zum Beispiel, weil ihr Haus abgebrannt ist oder sie ihre Wohnung wegen Mietschulden verloren haben.

Aber der Mann war so unterkühlt, dass Hüvelmann den Notruf alarmierte und um einen Rettungswagen bat. Als Erstes kam jedoch ein Sicherheitsmann der Bank, der den Mann des Hauses verweisen wollte. Auch zwei Streifenwagen der Polizei fuhren vor. Nachdem Hüvelmann mit den Polizisten gesprochen hatte, nahmen sie den Mann mit, um ihn zu einem warmen Ort zu begleiten. „Wenn wir nicht da gewesen wären, wäre der Mann einfach rausgeschmissen worden“, befürchtet Hüvelmann. Raus auf die Straße, zurück in die Eiseskälte.

Solche Situationen hat Kevin Hüvelmann in den vergangenen Jahren häufig erlebt, berichtet er: „Oft heißt es: Wir sind nicht zuständig.“ Besonders schwer sei es seiner Erfahrung nach für Obdachlose, die keine deutschen Staatsbürger seien. „Sie haben keine Chance auf Unterbringung“, sagt Hüvelmann. Dem widerspricht die Stadt. Für Kassel gelte: Jeder Mensch bekomme Kältehilfe, egal ob ein Anspruch auf Sozialhilfe bestehe oder nicht, teilt ein Sprecher der Stadt auf HNA-Anfrage mit.

Kassel: Wärmezelte sind für Hüvelmann eine gute Option

Nach Angaben des Vereins Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe aus Berlin leben allein 50 000 wohnungslose EU-Bürger in Deutschland, mehrheitlich kommen sie aus osteuropäischen Mitgliedsstaaten. Sie können als EU-Bürger frei einreisen, müssen aber für ihren Lebensunterhalt selbst aufkommen und haben in der Regel keinen Anspruch auf Sozialleistungen in Deutschland.

Nach Ansicht von Hüvelmann wären Wärmezelte, die die Stadt in kalten Nächten aufstellen könnte, eine Option. So könnten noch mehr obdachlose Menschen die Nacht im Warmen verbringen. „Vielleicht finden sich auch Menschen, die zusammenlegen und eine Wohnung für Obdachlose anmieten und sie auch betreuen wollen.“ Es müsse aber Regeln geben: „Wer sich nicht benimmt, muss raus, das ist klar.“

Er würde sich auch über Geldspenden freuen, mit denen er warme Schlafsäcke für die Obdachlosen kaufen könnte. Sie kosten 40 Euro pro Stück. Bislang finanziert er sie selbst oder mit Spenden aus seinem Umfeld. Auch warme Mützen und Handschuhe hat er immer im Auto dabei – um den Menschen zu helfen, bei denen viele wegschauen. (Claudia Feser)

Kontakt: per E-Mail an kevin.huevelmann@web.de

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