Bahnhofsmission bekommt mehr Aufträge und braucht weitere Ehrenamtliche

Helfen unter Zeitdruck

Stressfrei umsteigen: Die Bahnhofsmission hat ein eigenes aus Spenden finanziertes Elektromobil. Hier fährt Gerda Ross die Reisende Gabriele Kleefeld zu ihrem Anschlusszug. Foto: Dietzel

Kassel. Seitdem am Bahnhof Wilhelmshöhe die Gepäckwagen ausrangiert worden sind, steigen die Anfragen an die Bahnhofsmission für Umsteigehilfen. Gleichzeitig benötigt sie weitere ehrenamtliche Helfer.

Die Bahn stellt keine Kofferwagen mehr zur Verfügung, da die meisten Reisenden Rollkoffer hätten, erklärt eine Sprecherin. Auch Fahrzeuge für den Transport von Gehbehinderten, die es bis vor fünf Jahren an Bahnhöfen in ganz Deutschland gab, hätten sich nicht bewährt. „Die barrierefreie Erschließung in Wilhelmshöhe sind die Aufzüge“, sagt die Sprecherin. Die Mitarbeiter der Bahnhofsmission sind wegen des großen Bedarfs an Umsteigehilfen und Beratung derzeit häufiger im Einsatz als sonst. Die Einrichtung sucht daher weitere Ehrenamtliche, vor allem jüngere.

„Wagen 31. Ist der hinten oder vorn?“, fragt Gerda Ross. Ein Blick nach rechts, ein Blick nach links. Dann flitzt sie zu den hinteren Wagen des ICE, der an Gleis 2 in den Bahnhof Wilhelmshöhe gerollt ist. Die Türen öffnen sich, Sabine Aßmann steigt langsam aus. Die Kasselerin ist gehbehindert und hat bei der Bahnhofsmission um Hilfe beim Ausstieg gebeten. Gerda Ross reicht ihr den Arm und führt sie vorsichtig am Bahnsteig entlang zum Elektromobil. Dann hilft sie ihr aufzusteigen und fährt sie hinauf zum Eingangsbereich des Bahnhofs.

Gerda Ross ist in Eile. In drei Minuten kommt der nächste Reisende an, der eine Umsteigehilfe braucht. Weil viele Züge verspätet ankämen, seien die Umsteigezeiten oft knapp. Also düst sie mit dem Elektromobil die Wege zu den Gleisen auf und ab, lenkt geschickt um Fußgänger herum, bremst, beschleunigt. Ross ist eine der drei fest angestellten Mitarbeiter bei der Bahnhofsmission, die von 20 Ehrenamtlichen unterstützt werden.

Im Jahr 2010 haben laut Gerd Bechtel, Geschäftsführer des Diakonischen Werkes, 14 000 Menschen die Räume der Bahnhofsmission genutzt, 11 400 die Ein-, Aus- und Umsteigehilfe. Auch derzeit gebe es bis zu 30 Umsteige-Anfragen pro Tag. Die Mitarbeiter können die Aufträge nur mit Mühe stemmen. Alle seien derzeit häufiger im Einsatz als sonst. Immer mehr Reisende brauchen die Hilfe der Bahnhofsmission, sagen sie. Seit die Bahn Anfang Juli die Gepäckwagen ausrangiert hat, fragen jeden Tag etwa zwei bis drei Reisende mehr als sonst nach Hilfe zum Koffertragen, berichtet Gerda Ross. Um Blinde mit Hund zu begleiten, wären jetzt, ohne Kofferwagen als Stütze, zwei statt einem Mitarbeiter notwendig, sagt die ehrenamtliche Mitarbeiterin Elisabeth Weleda. Einen Gepäckträger-Service, wie es ihn an anderen deutschen Bahnhöfen gibt, bietet die Bahn in Kassel auch nicht an.

Fast täglich stößt die Bahnhofsmission an ihre Grenzen. Die meisten der Ehrenamtlichen sind Rentner. Es sind meist zu wenige Helfer, um alle Aufträge abdecken zu können. Ein weiteres Problem sei, dass sie schwere Koffer nicht heben dürfen. Rollstuhlfahrern, die per Hublift in den Zug gelangen, können nur ausgebildete Bahn-Mitarbeiter helfen, die die Geräte bedienen dürfen. „Wir brauchen noch mehr Helfer, vor allem jüngere“, sagt Gerda Ross. Die Bahnhofsmission bietet zum Beispiel auch Praktika an.

Von Stefanie Dietzel

Freiwillige gesucht

Die Bahnhofsmission sucht Freiwillige, die wöchentlich oder alle 14 Tage viereinhalb Stunden im Einsatz sein können. Sie sollten einen Autoführerschein haben. Zudem werden Belastbarkeit, Toleranz und Zuverlässigkeit erwartet. Ehrenamtliche bekommen Fortbildungen, Fahrtkostenzuschüsse, Unfall- und Haftpflichtversicherung und eine Ehrenamtskarte. (sdl)

Kontakt: Tel. 05 61/3 71 07, bahnhofsmission@dw-kassel.de

Kontakt für Hilfebedürftige

Die Bahnhofsmission befindet sich im Bahnhof Wilhelmshöhe eine Etage über dem Eingangsbereich an den Gleisen 7 bis 10. Ein Aufzug ist vorhanden. Sie ist täglich geöffnet, Montag bis Samstag 9 bis 18 Uhr, Sonn- und Feiertag 12 bis 18 Uhr. Kontakt: 05 61/ 3 71 07

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