Zwischen Armut und Krieg: Diakonie-Mitarbeiter behandelten Kinder im Jemen

Helfer im zerrissenen Land

Wolfgang Scholl

Kassel. Ein paar hundert Kilometer nördlich tobt Bürgerkrieg. Vor den Türen der Klinik lagern Kranke. Drinnen auf dem Operationstisch liegen Kinder mit extremen Verletzungen – für drei Mitarbeiter der Diakonie-Klinik gehörte dies Anfang Oktober zum Alltag. Sie halfen ehrenamtlich in einer Klinik im Jemen.

Dr. Wolfgang Scholl (66), Dr. Joachim Herbst (43) und Michael Altmann (49) reisten im Auftrag der Hilfsorganisation Hammer Forum in den Staat am Golf von Aden. Zwei Wochen verbrachten sie dort, betäubten als Anästhesisten Patienten für Operationen. An der Behandlung von 132 Kindern waren sie beteiligt. „Für jemenitische Verhältnisse ist das viel“, sagt Scholl.

Der Ausflug der Helfer stand unter keinen guten Vorzeichen: Erst im Juni waren im Jemen zwei Deutsche entführt und ermordet worden. Im Norden tobt seit Wochen ein Bürgerkrieg zwischen der Armee und Schiiten-Rebellen.

Die drei Kasseler reisten trotzdem. Ihr Ziel: Taiz, eine Stadt mit 500 000 Einwohnern, südlich der Hauptstadt Sanaa. Obwohl dort kein Krieg herrscht, seien Waffen wie Messer und Maschinenpistolen alltäglich gewesen. „Ein junger Mann griff in seinen Kaftan und zeigte zwei Handgranaten“, sagt Altmann.

Viel Zeit hatten die drei Diakonie-Mitarbeiter aber nicht, um solche Eindrücke zu sammeln: „Wir haben von morgens bis abends geschuftet.“ Ihre Patienten waren Kinder – mit Verbrennungen, mit Missbildungen und extremen Verletzungen. Manche Leiden, beispielsweise den offenen Rücken, kannten die Helfer nur aus dem Lehrbuch.

Die Arbeitsumstände seien sehr unangenehm gewesen: „Der Geruch auf der Verbrennungsstation hat mich schockiert – und das nach 20 Jahren Berufserfahrung“, sagt Herbst. Nach drei Tagen habe er sich aber daran gewöhnt.

Dabei sind die Verletzungen nicht unbedingt Folgen der Unruhen im Land: Vielerorts seien Generatoren im Einsatz. Brennstoff nachfüllen müssten oft Kinder. „Die schauen dann mit dem Feuerzeug, ob der Tank leer ist“, sagt Herbst.

Sein Kollege Scholl sieht den ehrenamtlichen Einsatz aber auch kritisch. Auf der einen Seite habe man geholfen, auf der anderen Seite das eigentliche Ziel verfehlt: die Schulung einheimischer Fachkräfte. Angesichts der vielen Patienten und anspruchsvollen Eingriffe sei dafür nicht genug Zeit gewesen. www.hammer-forum.de

Von Göran Gehlen

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