Gute Beispiele: So lassen sich Fixierungen vermeiden

Helm statt Gurt im Seniorenheim

Niedrigflurbett: Pflegedienstleiter Ralf Grams hat zur Demonstration Hildegard Schößes Bett mit der elektrischen Steuerung runtergefahren. Sollte sie hier nachts herausfallen, landet sie auf einer weichen Matte.

Kassel. An ihren Sturzhelm musste sich Hildegard Schöße erst gewöhnen. Der weiche Kopfschutz ist aber inzwischen ihr täglicher Begleiter. Er gibt ihr Sicherheit und die Freiheit, weiterhin aus ihrem Rollstuhl aufzustehen, wenn sie es möchte.

Die Pflegeverantwortlichen im evangelischen Altenzentrum „Das Stiftsheim“ und die Angehörigen der Senioren haben sich gemeinsam zu diesem Schritt entschlossen, um zu vermeiden, dass die an Demenz erkrankte 90-Jährige im Rollstuhl angegurtet werden muss.

Hildegard Schöße war vorher fast täglich hingefallen. „Wir mussten eine Möglichkeit finden, sie vor Verletzungen zu schützen und ihr gleichzeitig die Möglichkeit zu geben, sich weiter frei zu bewegen“, sagt Heimleiterin Charlotte Bellin. In solch einem Fall gelte es, gemeinsam mit den Angehörigen und wenn möglich mit den Betroffenen sorgfältig abzuwägen. Auch für nachts fand man so eine Lösung, um zu vermeiden, dass die Freiheit der Bewohnerin durch ein Bettgitter eingeengt ist. Sollte die alte Dame tatsächlich einmal aus dem Bett kullern, fällt sie nicht tief. Ihr Bett kann bis auf 30 Zentimeter runtergefahren werden. Und nachts liegt eine weiche Matte davor.

Gefahr durch Bettgitter

Ob man Bettgitter anbringt, müsste man auch aus einem anderen Grund gut abwägen: Mitunter gelinge es Pflegebedürftigen drüberzuklettern, „und dann fallen sie noch tiefer“, gibt Charlotte Bellin zu bedenken. Andererseits gebe es Bewohner, die sich ein Bettgitter wünschen, weil sie sich dann sicherer fühlen.

Auch für die pflegenden Mitarbeiter sei es nicht leicht auszuhalten, wenn ein Hausbewohner stürzt und sich verletzt, sagt Pflegedienstleiter Ralf Grams. Doch Gefahren ganz auszuschalten, werde nie gelingen, gibt die Heimleiterin zu bedenken: „Das Leben ist lebensgefährlich.“ Seit einigen Jahren gibt es im Stiftsheim ethische Fallbesprechungen auch im Hinblick auf eventuell nötige Fixierungen von Bewohnern und mit dem Ziel, die bestmögliche Lösung zu finden.

Das kann zum Beispiel die Entscheidung sein, dass ein Bewohner ein Armband tragen soll, das an der Pforte einen Alarm auslöst, wenn er das Haus verlässt. Auf diese Weise wird er nicht eingesperrt, aber vielleicht lässt er sich zur Umkehr überreden oder findet einen Begleiter für seinen Ausflug.

Charlotte Bellin: „Die wichtigste Frage ist immer: Wie kriegt man die größtmögliche Lebensqualität mit dem geringsten Risiko hin?“

Von Martina Heise-Thonicke

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