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Herbert Jakobiak empfing die Filmstars in Kassel

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Von: Bastian Ludwig

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Großer Bahnhof: Herbert Jakobiak wird im Oktober 1959 am Kasseler Hauptbahnhof eingerahmt von den Schauspielern Heinz Rühmann (3. von rechts) und Hubert von Meyerinck (2. von links), die zur Premiere des Films „Ein Mann geht durch die Wand“ kamen.
Großer Bahnhof: Herbert Jakobiak wird im Oktober 1959 am Kasseler Hauptbahnhof eingerahmt von den Schauspielern Heinz Rühmann (3. von rechts) und Hubert von Meyerinck (2. von links), die zur Premiere des Films „Ein Mann geht durch die Wand“ kamen. Archivfotos: Werner Lengemann © Archivfotos: Werner Lengemann

Im November startet im Stadtmuseum eine Sonderausstellung, die Kassel als Filmstadt beleuchtet. Im Vorfeld stellen wir HNA-Leser vor, die persönliche Erinnerungen an die glanzvolle Kasseler Film- und Kinogeschichte haben.

Kassel – Jürgen Ronge aus Kassel hat seinem Patenonkel Herbert Jakobiak viel zu verdanken: So blickt der 66-Jährige nicht nur auf viele exklusive Filmmomente in den 60er-Jahren zurück, die er dank seines Patens, der viele Jahrzehnte Theaterleiter des Capitol-Kinos an der Wilhelmsstraße war, erleben durfte. Vor seinem Tod 1985 verkaufte Jakobiak seinem inzwischen erwachsenen Patenkind seinen Heckflossen-Mercedes, mit dem dieser bis heute unterwegs ist.

Wenn Ronge heute an seinen Patenonkel denkt, der ein Freund seiner Eltern war, hat er den schlanken, großen Mann als eine Mischung aus US-Präsident Lyndon B. Johnson und Schauspieler Hans-Joachim Kulenkampff vor Augen. „Er trug fast immer einen grauen Anzug mit weinroter Krawatte“, sagt Ronge.

Beim 25-jährigen Jubiläum: Herbert Jakobiak wurde im Jahr 1956 für seine Tätigkeit beim Capitol geehrt.
Beim 25-jährigen Jubiläum: Herbert Jakobiak wurde im Jahr 1956 für seine Tätigkeit beim Capitol geehrt. © Werner Lengemann

Jakobiak war eine Größe im Kasseler Kinogeschäft – davon zeugt unter anderem ein HNA-Artikel aus dem Jahr 1956, in dem er für seinen 25-jährigen Einsatz für das Kinogeschäft gewürdigt wird. Bereits 1931, als noch Stummfilme in Kinos liefen, begann Jakobiaks Karriere im Capitol. Zuvor hatte er eine Ausbildung in einem Kasseler Optiker- und Brillengeschäft absolviert. Schnell arbeitete er sich vom Vorführraum in die Verwaltung vor und wurde 1934 Theaterleiter. Gleichzeitig führte er das Universum-Kino an der heutigen Friedrich-Ebert-Straße, das – anders als das Capitol – nach dem Krieg nicht wieder aufgebaut wurde.

Mit dem Krieg kam der Bruch. Jakobiak wurde zur Luftwaffe eingezogen. Als er im Mai 1945 nach dreiwöchiger Kriegsgefangenschaft den Amerikanern entwischte, waren sämtliche Lichtspielhäuser in Kassel zerstört. Ein Jahr später führte er die ersten Behelfskinos am Möncheberg, bis am 18. Mai 1949 die Capitol-Lichtspiele wiedereröffnet wurden und Jakobiak zu seiner alten Wirkungsstätte zurückkehrte.

Bis heute mit dem Mercedes seines Patenonkels unterwegs: Jürgen Ronge erinnert sich bei Fahrten gerne an den ehemaligen Kinoleiter Herbert Jakobiak.
Bis heute mit dem Mercedes seines Patenonkels unterwegs: Jürgen Ronge erinnert sich bei Fahrten gerne an den ehemaligen Kinoleiter Herbert Jakobiak. © Bastian Ludwig

In seinem Beruf traf Jakobiak viele Prominente. „Vormittags musste er Filmrollen am damaligen Güterbahnhof abholen, zur Premiere auch mal Heinz Rühmann, Gerd Fröbe oder Walter Giller am Bahnhof empfangen“, erinnert sich Ronge. Sein Patenonkel habe überall angepackt, wo Not war. Er sei sich auch nicht zu schade gewesen, Kinokarten zu verkaufen oder für den Filmvorführer einzuspringen, der häufiger betrunken gewesen sei.

Jakobiaks Büro und die Treppenaufgänge im Kino waren mit Fotos der Stars und Grußworten an den Theaterleiter geschmückt. In seinem Büro stand ein riesiger Tresor, von dem sein Patensohn beeindruckt war.

Jürgen Ronge war „stolz wie Bolle“, wenn ihn „Onkel Herbert“ zur Schülervorstellung kostenfrei auf die besten Plätze begleitete. Popcorn und Getränke habe es damals noch nicht im Kino gegeben und die Sitze seien viel schmaler als heute gewesen. Dennoch war es Luxus. „Wir hatten ja noch kein Fernsehen“, sagt Ronge. 1962 teilte Jakobiak den etwa 1000 Plätze zählenden Capitol-Saal in einen großen und einen kleinen. Das kleine „Esplanade“ war geboren. Auch unabhängig vom Kino unternahm Ronge viel mit seinem Paten und dessen Frau, die an der Nahlstraße lebten. Er ging mit ihnen oft ins Freibad nach Sandershausen und war mit ihnen im Mercedes unterwegs, etwa um von Bad Sooden-Allendorf „ängstlich“ über die innerdeutsche Grenze zu blicken. All das kommt Ronge wieder in den Sinn, wenn er heute mit Jakobiaks altem Mercedes fährt, den er ihm für 3000 DM damals abkaufte. (Bastian Ludwig)

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