Hermann Lamm aus Kassel, der erste Gentleman-Bankräuber

Die große Zeit der amerikanischen Gangster: Eine Szene aus dem Film „Public Enemies“, der die kriminelle Karriere des „Staatsfeindes Nummer eins“, John Dillinger, nachzeichnet. Dillinger soll die Bankraub-Strategien von Hermann Lamm übernommen haben. Foto: Verleih / nh

Kassel. Keiner plante Überfälle so akribisch wie Hermann Karl Lamm: In den USA gilt er als einer der berüchtigtsten Gangster der 1920er-Jahre. Laut amerikanischen Quellen soll Lamm am 19. April 1890 in Kassel geboren sein. Eine Spurensuche.

Kassel. Bonnie und Clyde, Al Capone, John Dillinger, Butch Cassidy und Sundance Kid: Dank Hollywood weiß auch hierzulande fast jeder, wer die berüchtigtsten Gesetzlosen Amerikas waren.

Einer, der auch in diese Reihe schillernder Gangster gehört, ist Hermann Karl Lamm. Von der Filmwelt bislang links liegen gelassen, gilt er in den USA als Kriminalitäts-Genie und als „Vater des modernen Bankraubs“. Der deutsche Einwanderer mit der erstaunlichen Verbrecher-Karriere soll aus Kassel stammen. So ist es in amerikanischen Quellen vermerkt. Belege in seiner Geburtsstadt sind dafür bisher nicht zu finden.

Lamm gilt als der erste Bandit, der Anfang des 20. Jahrhunderts seine Überfälle wie militärische Operationen plante. Zu seiner Zeit war es üblich, dass Hitzköpfe planlos und schwer bewaffnet in Banken, Poststationen und Minenbüros stürmten, um Beute zu machen. Weit kamen sie nicht - die allermeisten wurden wenige Minuten später gefasst oder gleich erschossen.

Ein Gangster mit Manieren

Lamm hingegen war von seinem Naturell her kein Desperado, er wusste sich manierlich zu benehmen und ging das Bankraubgeschäft mit preußischer Gründlichkeit an. Lange vorher spähte er die Objekte seiner Überfälle aus. Dabei gab er sich auch mal als Reporter aus, um sich von stolzen Bankdirektoren den Tresor zeigen zu lassen. Anschließend skizzierte er Fluchtrouten und Alternativen, vergab unter seinen Gang-Mitgliedern feste Aufgaben und stoppte für sämtliche Abläufe probeweise die Zeit. Dafür baute Lamm, wenn es sein musste, den Schalterraum maßstabsgetreu nach. Für die Flucht ließ er sicherheitshalber Ersatzwagen bereitstellen oder traf Vorkehrungen, die Telefon- und Stromleitungen des jeweiligen Ortes zu kappen.

Durch diese akribische Planung - damals ein Novum - war die Lamm-Gang ihren Verfolgern stets einen Schritt voraus. Zwischen 1917 und 1930 raubten sie Dutzende von Banken aus und erbeuteten mindestens eine Million Dollar. In Gangsterkreisen wurde der Deutsche ehrfurchtsvoll „der Baron“ genannt. Bald ahmten andere US-Ganoven die sogenannte Lamm-Methode nach, die zu ihrer Zeit als das perfekte Verbrechen galt.

Zu Lamms Strategie gehörte es auch, unter zahlreichen Decknamen aufzutreten. Das macht es nicht einfacher, unter all den Mythen um seine Person den biografischen Wurzeln des Gentleman-Gangsters näher zu kommen. US-Autoren interessieren sich vorwiegend für Lamms Wirken seit seiner Einwanderung. Mit am meisten über die deutsche Herkunft hat der Hobbyforscher Paul Peterson zusammengetragen und dabei die weltweit vernetzten Kirchenbuch-Archive der Mormonen genutzt. Die sind im Bundesstaat Utah ansässig, wo Hermann Lamm längere Zeit lebte.

Angeblich gelernter Metzger

Peterson will herausgefunden haben, dass Lamm 1890 als Kind einfacher Leute in Kassel geboren wurde und eine Metzgerlehre gemacht haben soll. Wann genau er als Emigrant in die USA gekommen ist, darüber kursieren in US-Veröffentlichungen Vermutungen. Auf jeden Fall muss er 1915 schon im Land gewesen sein: Einem zeitgenössischen Zeitungsbericht zufolge gehörte Lamm zu einer Gruppe von Kriminellen, die Farmern K.-o.-Tropfen ins Bier gekippt hat, um sie anschließend zu berauben.

Autor Peterson geht davon aus, dass Lamm kurz vor Kriegsbeginn 1914 erstmals amerikanischen Boden betreten hat. Er habe gründlich in vielen Einreisehäfen recherchiert, allerdings keinen Hinweis auf Hermann Karl Lamm finden können. Allerdings sei illegale Einwanderung seinerzeit mindestens so häufig gewesen wie heute, schreibt der Forscher. Möglicherweise habe sich Lamm aus Deutschland abgesetzt, um dort dem Kriegsdienst zu entgehen.

Auch andere Schwierigkeiten mit dem deutschen Militär könnten ein Grund für diese Entscheidung gewesen sein. Quellen über Lamms Zeit in Deutschland berichten, dass er unehrenhaft aus der kaiserlichen Armee entlassen worden sei. Er habe verbotenerweise um Geld Karten gespielt und dabei Kameraden betrogen.

Vor diesem Hintergrund könnte Lamm auch zu seiner Ehrenbezeichnung „Der Baron“ gekommen sein. Vielleicht hat er sich seinen kriminellen Spießgesellen in den USA gegenüber als ehemaliger deutscher Armeeoffizier ausgegeben. In seiner neuen Heimat konnte sich Hermann Lamm neu erfinden - auch ein Aufstieg vom Karten-Trickser zum Bankräuberkönig lag im Bereich des Möglichen.

Von Axel Schwarz

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.