Die Kasseler Jüdin Judith Weissenberg besucht zum dritten Mal ihre alte Heimatstadt

Herr Ucko reparierte alles

Aus Südafrika angereist: Judith Weissenberg (Zweite von links) besucht Kassel. Im Rathaus empfängt sie Stadträtin Brigitte Bergholter (Vierte von links). Begleitet wird Weissenberg von ihrem Neffen Peter Ucko (links) und dessen Sohn Alon (rechts). Bildmitte: die Kasseler Freundin Brigitte Noll. Foto: Herzog

Kassel. Judith Weissenbergs Vater Fritz Ucko war ein weitsichtiger, überlegter und gut organisierter Mann. Als das Leben Anfang der 1930er-Jahre für jüdische Menschen in Deutschland zunehmend peinigender wurde und sich der Holocaust schon ankündigte, plante er, mit seiner Familie - schweren Herzens - die Kasseler Heimat zu verlassen. Vor den Nazischergen flohen die Uckos weit weg, ins südafrikanische Johannesburg. Das war ein „schmerzhaftes und schwieriges Unterfangen“, erinnert sich Tochter Judith, die sich zurzeit zum dritten Mal seit ihrer Emigration in der alten Heimat aufhält.

Engelsburg-Chronik

Die heute 87-Jährige war 1992 zum ersten Mal nach Kassel gereist. Überraschend hatte sie die damalige Engelsburg-Schülerin Martina Doppelhammer angeschrieben. Die hatte Judith Weissenberg für eine Chronik zum hundertjährigen Bestehen des katholischen Gymnasiums ausfindig gemacht. Nachdem Judith Weissenberg als jüdischem Mädchen der Besuch einer staatlichen Schule verwehrt wurde, hatte sie ab 1933 die Engelsburg besucht. „Ich war so aufgeregt, als der Brief aus Deutschland kam“, sagt sie. Stunden habe sie über dem Fragebogen, den Martina Doppelhammer ihr geschickt hatte, gesessen. „Die Erinnerungen an Kassel flossen nur so.“ Die Uckos, die im Vorderen Westen - anfangs in der Park- und später in der Uhlandstraße wohnten - waren eine angesehene, gut situierte Beamtenfamilie. Seine Stelle als Oberreichsbahnregierungsrat hatte Fritz Ucko jedoch 1934 verloren. Zuerst schickte der Vater 1935 die Kinder Erasmus und Denise nach Johannesburg, 1939 folgten die jüngste Tochter Judith mit der Mutter Friederike und zuletzt er selbst.

Die Familie aus Kassel, die kein Englisch sprach, musste sich eine neue Existenz aufbauen. Der Vater hatte zwei Dinge aus Deutschland mitgebracht: seinen Lebensmut und seinen Werkzeugkoffer. „Mein Vater reparierte alles, vom Schuh bis zum wackeligen Stuhl, er war ja schließlich Ingenieur“, erzählt Judith und bezaubert ihre Zuhörer dabei mit ihrem mädchenhaften Charme. „Herr Ucko kann alles“, hieß es bald. Entsprechend gefragt waren seine Dienste. Auch Judiths späterer Mann Walter, ein Jurist aus Berlin, musste in Südafrika sein Leben umkrempeln und sich seinen Unterhalt als Händler verdienen.

„Wir haben alle Schlimmes erlebt“, sagt Judith Weissenberg, „aber man muss tolerant sein. Vergessen kann man nicht, wohl aber vergeben.“ Inzwischen verbinden sie mit Kassel enge Freundschaften, etwa zur ehemaligen Engelsburg-Lehrerin Brigitte Noll, wo sie zusammen mit ihrem Neffen Peter Ucko und dessen Sohn Alon, die sie begleiten, auch zu Gast ist.

Von Christina Hein

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