Im Stadtteil Hasenhecke

Herzrasen, weil sich keiner kümmerte: Kasseler Seniorin wartete eine Woche auf den Busbetrieb

Kerstin Zettler wartet auf den Bus
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Will auch anderen Senioren eine Stimme geben: Kerstin Zettler wandte sich an die Zeitung, weil ihre Wohngegend im Stadtteil Wolfsanger-Hasenhecke mehr als eine Woche nicht von Bussen angefahren wurde.

„Ich fordere die Stadt auf, dass sie sich um ihre Senioren kümmert“, sagt Kerstin Zettler. Über eine Woche konnte die 67-jährige Anwohnerin ihren Stadtteil Hasenhecke nicht verlassen.

Kassel – Nicht einkaufen, keine Medikamente besorgen, und auch der Gang zum Zahnarzt oder zur Bank waren ihr nicht möglich. Der Grund: Die schwerbehinderte Rentnerin ist auf den Bus angewiesen. Doch ihre Linie 26 fuhr aufgrund der extremen Wetterlage nicht mehr, die Aussicht: perspektivlos.

„Die Stadt schimpft auf die KVG und die wiederum interessiert sich nicht für mein Anliegen. Die interessieren sich nicht für meine Gesundheit.“ Zettler schimpfte nicht einfach, sondern nahm die Sache selbst in die Hand, kontaktierte die Stadt. „Da heißt es dann, ich soll einen Pflegedienst beauftragen. Dafür müsste ich einen Antrag stellen, so etwas dauert.“ Kurzfristige Hilfe? Fehlanzeige. So laufe es in Stadtteilen, wo Senioren leben und ohne ÖPNV von der Außenwelt abgeschieden sind, sagt sie verärgert. An der Hasenhecke, da seien die Senioren verloren.

Sie habe keine Angehörigen, kein Auto, und der Fußweg bei diesem Wetter sei mit Rollator nicht zumutbar, weil die Querstraßen nicht geräumt seien. „Da erfriere ich ja auf dem Weg“, sagt sie überspitzt. Trotz ihrer kleinen Rente habe sie vergangene Woche versucht, sich ein Taxi zu rufen, um wichtige Wege zu erledigen. Sie habe kein Taxi bekommen, sagt sie, merkt aber an: „Ich kann jetzt nicht auch noch mein Lebensmittelgeld in Taxen stecken.“

Auch um Hilfe habe sie gebeten, sei, um an Lebensmittel heranzukommen, an einen Kontakt, der sich während der Pandemie aufgetan habe, herangetreten. Die verhinderte Dame wiederum habe eine Bekannte gefragt. „Bitten kann ich mal, aber ich bettle nicht.“ Außerdem müsse sie jemandem, der für sie einkauft, ja auch irgendwie bezahlen. „Wie denn, wenn ich nicht zum Geldautomaten komme?“ Kerstin Zettler sagt: „Ich kann mit dem Bus fahren und meine Wege erledigen. Was mich verzweifeln lässt, ist, dass mir selbst nach so langer Zeit niemand sagen kann, wann wieder ein Bus fährt. Ich bekomme Herzrasen, weil sich keiner kümmert.“

Dabei wäre ihr, wie auch den älteren Menschen in ihrem Umfeld, schon geholfen gewesen, wenn der Bus eine Haltestelle angefahren hätte, wo alle eingestiegen wären. „Die Hauptstraße ist frei.“

Verärgert habe sie Montagfrüh erneut bei der Stadt angerufen. „Ich habe ein absolutes Theater gemacht.“ Und siehe da: Nach eineinhalb Wochen fuhr gestern Mittag erstmals wieder ein Bus der Linie 26 die Haltestelle an – just zum Zeitpunkt des HNA-Termins vor Ort.

„Ich weiß nicht, ob es an meinen Anrufen lag. Aber der Schluss liegt nahe“, sagt Kerstin Zettler, die sich danach sofort nach Hause machen wollte, um ihren Einkaufzettel zu schreiben und den nächsten Bus zu nehmen. Auch, wenn sie zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht wusste, ob es nur eine Testfahrt gewesen ist oder aber der Start des Regelbetriebs.

Gestern hätten einige Testfahrten von Bussen und Bahnen stattgefunden, bestätigt KVG-Sprecherin Heidi Hamdad auf Nachfrage. Die Linie 26 aber habe ihren regulären Betrieb gestern bereits wieder aufgenommen. Vorher sei das wegen der „starken Steigungen und rutschigen Teilstrecken mit Kopfsteinpflaster“ nicht möglich gewesen. „In Wolfsanger waren Straßen und Haltestellen nicht genügend sicher“, so Hamdad.

Fahrgäste hätten die Möglichkeit, sich bei der Verbindungsauskunft der KVG, über die NVV-App oder deren Servicetelefon über den Betrieb des ÖPNV zu informieren, merkt die Sprecherin an. (Anna Lischper)

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