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Experte über den Klimanotstand: „Heute haben wir es noch in unserer Hand“

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Von: Florian Hagemann

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Klaus Wiegandt
Klaus Wiegandt © Hagemann, Florian

Ex-Manager und Herausgeber Klaus Wiegandt spricht im Interview über den Klimanotstand - und darüber, was zu tun ist.

Kassel – Um die Themen Energie und Klimawandel ging es Ende November auf einem Zukunftsforum in der Kasseler documenta-Halle. Zu Gast war auch der einstige Top-Manager Klaus Wiegandt, der sich nun vorwiegend in der Nachhaltigkeitsdebatte engagiert und zuletzt den Bestseller „3 Grad mehr“ herausgebracht hat.

Herr Wiegandt, am Wochenende ist in Ägypten die Weltklimakonferenz zu Ende gegangen. Was davon hängen geblieben ist, ist ein angestrebter Ausgleichsfonds für Klimaschäden. Reicht das aus, um die Welt zu retten?

Nein, aber das ist ein wichtiger Schritt, wenn er denn zustande kommt. Bisher hat man ihn ja nur auf die Tagesordnung genommen und keine konkreten Beschlüsse dazu gefasst. Nun muss Geld in die Hand genommen werden.

Und dann kann ein solcher Fonds tatsächlich helfen?

Er kann ein ganz entscheidender Teil werden, zur Besserung der Situation beizutragen. Wir müssen uns vergegenwärtigen: Die Schwellen- und Entwicklungsländer, in denen im Grunde 80 Prozent der Menschen leben, müssen ihre Infrastruktur und damit Energiesysteme aufbauen. Wir müssen ihnen Geld geben, damit sie die veralteten Technologien überspringen und somit nicht mit unseren alten Blaupausen Kohlekraftwerke bauen. Insofern ist solch ein Ausgleichsfonds ein wichtiger Schritt. Aber wir haben gesehen, dass die Industrieländer sich noch sträuben, ihn zu gehen.

Wenn Sie solch eine Weltklimakonferenz verfolgen und die Ergebnisse oder auch Nicht-Ergebnisse sehen: Macht Sie das fuchsig?

Ich werfe seit längerer Zeit einen anderen Blick auf die Weltklimakonferenzen, seitdem ich gesehen habe, wie sie im Grunde ablaufen. Dort gibt es Gremien, die aus Wissenschaftlern und Regierungen gebildet werden. Und bei der Satzung hat man schon den Fehler gemacht, dass nur veröffentlicht werden darf, was absolut Konsens ist. Das heißt: Wenn einer widerspricht, dann wird es nicht veröffentlicht. So kommen nur Entscheidungen heraus, die den kleinsten möglichen Nenner abbilden.

Aber der kleinste mögliche Nenner hilft kaum weiter, oder?

Wir müssen sehen: Es gibt ein paar grundlegende Dinge, die versäumt worden sind. Wenn wir jetzt sagen, wir wollen im Jahr 2050 weltweit klimaneutral werden, dann müssen zumindest die großen Demokratien die Menschen aufklären. Sie müssen ihnen sagen, was auf sie zukommt, wenn wir Paris verfehlen und wir es nicht schaffen, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Bisher haben der Weltklimarat und die Medien immer dargestellt, was passiert, wenn es zu einer Erderwärmung von 1,5 bis 2 Grad kommt. Damit verbunden sind aber Folgen, die für den Menschen in unseren Breiten noch überschaubar sind.

Nämlich?

Es geht um Bangladesch, es geht um die Malediven, die untergehen könnten, es geht um die Gletscher, die abschmelzen, wobei das schon etwas näher an den Menschen hierzulande ist. Da ist aber nichts dabei, was besorgniserregend ist im Sinne, dass es die Menschheit bedroht. Wir laufen aber schon auf eine Entwicklung von 3 Grad Erderwärmung zu.

Mit welchen Folgen?

Was viele Menschen nicht wissen: Die Folgen der Erderwärmung verlaufen nicht linear, sondern exponentiell. Das heißt: Eine 3-Grad-Erwärmung ist etwas völlig anderes als eine 1,5-Grad-Erwärmung. Daher war mein Ansatz, mal einen Blick von Wissenschaftlern in eine Welt werfen zu lassen, die eine Erderwärmung von 3 Grad als Grundlage hat.

Herausgekommen ist das Buch „3 Grad mehr“. Was sind die Haupterkenntnisse?

Eine Erderwärmung von 3 Grad bedeutet, dass die Temperaturen an Land um 6 Grad steigen werden. Dadurch wird die Landwirtschaft weltweit so stark gefährdet, dass viele Millionen Menschen verhungern und verdursten werden, weil wir eine Radikalisierung des Wettergeschehens bekommen. Und eine Temperaturerhöhung von 6 Grad zum Beispiel in Spanien oder Portugal hätte katastrophale Auswirkungen.

Sie vertreten die These, dass es vor allem auf die Aufklärung der Menschen ankommt. Wie aber erreicht man die Menschen?

Man muss eine professionelle Informationskampagne planen, in der Wissenschaftler und Experten aus der Werbewirtschaft zusammenarbeiten. Solch eine Kampagne darf aber nicht nur kurz aufflackern, sondern sie muss lange andauern. Es muss verständlich dargestellt werden, und wir müssen aufzeigen, was passiert, wenn wir Paris verfehlen. Wichtig ist aber auch zu betonen: Heute haben wir es noch in unserer Hand. Wir können das Ganze noch steuern und es hinbekommen, die Erderwärmung auf maximal 2 Grad zu begrenzen. Aber das setzt voraus, dass viel mehr Geld in die Hand genommen wird. Es gibt Gutachten, die besagen, dass wir jährlich zwei Prozent des Weltsozialproduktes ausgeben müssen, um das 1,5-Grad-Ziel noch zu erreichen. Das sind 1600 Milliarden – jedes Jahr.

Glauben Sie, dass der Klimaschutz unter der aktuellen Weltlage leidet?

Das ist sehr klar erkennbar. Corona war ein Nackenschlag für die Klimaschutzpolitik, und Russland ist es jetzt noch einmal mehr. Umso wichtiger wäre eine massive Aufklärungskampagne. Sie würde vielleicht zehn Millionen Euro kosten. Im Grunde wäre das für die Regierung ein Klacks, dies zu machen. Aber sie macht es nicht. Sie glaubt, sie kommt ohne sie aus, deshalb bin ich auch von den Grünen Robert Habeck und Annalena Baerbock enttäuscht. Wir müssen die Wahrheit sagen: Wir sind im Klimanotstand. Derzeit diskutieren wir aber über einen Feuerlöschplan, dabei muss schon längst gelöscht werden.

Haben Sie noch Hoffnung?

Ja, weil ich an die Vernunft der Menschen glaube. Und die jüngeren Menschen begreifen, dass es um ihre Zukunft geht. Was mich bestärkt: Die Wirtschaftsbosse begreifen so langsam, dass der Klimawandel auch für die Wirtschaft hochgefährlich wird und dass dies eine Sache ist, die sie angehen müssen. Sie müssen die Politik anschieben. (Florian Hagemann)

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