Wo heute die Uni steht: Vor 15 Jahren schloss die Tuchfabrik Gottschalk

Das Areal: Die Gottschalk-Fabrik auf einer undatierten Aufnahme vor dem Krieg. Ein Großteil dieser Gebäude steht nicht mehr.

Kassel. Vor 15 Jahren musste die Kasseler Zelt- und Tuchfabrik Gottschalk nach fast 120-jährigem Bestehen schließen. Die Nachfahren des Mitgründers Moritz Gottschalk haben nun ihren Nachlass an das Stadtmuseum übergeben. Wir warfen einen Blick in die Bilder und Dokumente.

Ob im Krieg, im fernen Afrika, im Zirkus oder im Urlaub – die Zelte der Firma Gottschalk waren fast 120 Jahre lang weltweit für die unterschiedlichsten Zwecke im Einsatz. Die Erfolgsgeschichte begann 1881, als Moritz Gottschalk (1851-1943) und Johannes Coenning die Firma gründeten. Beide hatten das Geschäft zuvor beim Kasseler Immobilien- und Textilunternehmer Sigmund Aschrott gelernt – einem Pionier der industriellen Textilproduktion.

Nach dem Aufbau der Zelt- und Tuchfabrik an der heutigen Gottschalkstraße folgten schwere Anfangsjahre. Die Konkurrenz war groß. Allein in Kassel gab es etliche Mitbewerber: Darunter Salzmann, Fröhlich & Wolff, Baumann & Lederer und die Casseler Jutespinnerei. Kassels Textilindustrie war nach Recherchen des Stadtmuseums in den 1920er-Jahren zweitgrößter Arbeitgeber in der Stadt.

Auch Gottschalk expandierte, erweiterte mehrfach Web- und Nähsäle. Deutschlandweite Aufmerksamkeit erzeugte die Firma, als sie 1895 das Festzelt für die Einweihung des Nord-Ostsee-Kanals fertigte. Aber nicht zur Zelte wurden hergestellt, sondern auch Schiffssegeltuche, Markisenstoffe und Wagendecken.

1905 wurde die Weberei Dieterici & Lebon in Eschenstruth (Helsa) übernommen. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs profitierte Gottschalk von Aufträgen für Armeezelte. Doch mit der Weltwirtschaftskrise kam die Firma ins Straucheln. Viele der damals 660 Mitarbeiter wurden entlassen.

Als die Nationalsozialisten die Macht ergriffen, gelang es dem jüdischen Gründer Moritz Gottschalk zunächst, die Firmengeschicke weiter zu lenken. Dafür nahm er 1933 zwei Nationalsozialisten in die Führung auf. Mit fortschreitender Arisierung wurden jüdische Webereien boykottiert. Nach Informationen des Stadtmuseums bekamen sie keine Aufträge mehr von Reichswehr, Post und Bahn und erhielten weniger Rohstoffe. Auch mit KZ wurde gedroht. So musste auch Gottschalk 1938 die Firma verlassen, die den Henschel-Werken angegliedert wurde.

Ein Blick in die Geschichte

So sah das Universitätsgelände aus

Nach Kriegsende kehrte Gottschalks Enkelin Leni Frenzel (1915-1987) aus dem Exil zurück und baute die im Krieg beschädigte Fabrik wieder auf. Henschel musste das arisierte Vermögen zurückgeben.

Ab den 1950er-Jahren ging es aufwärts. Zweigwerke entstanden in Bettenhausen, Zierenberg und Gensungen. Inzwischen produzierte Gottschalk sogar Sportbekleidung, mit der 1964 sogar die deutsche Mannschaft bei den Olympischen Winterspielen ausgestattet wurde. 1990 übernahm die Fuldaer Mehler AG den Betrieb. Doch die Umsätze sanken weiter. Die Textilproduktion war in Deutschland zu teuer geworden. 1999 wurde der Betrieb eingestellt.

Von Bastian Ludwig

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