10.000 Menschen starben am 22. Oktober 1943

Bombennacht vor 75 Jahren: Als Kassel im Inferno versank

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Feuersturm in der Kasseler Altstadt: Die Aufnahme hat ein Marburger Feuerwehrmann gemacht, der seinen Kollegen in Kassel zu Hilfe kam.

Zeitzeugen erinnern sich noch an den letzten Schlag der größten Kasseler Kirchenglocke. Die Osanna fiel in der Bombennacht vom 22. Oktober 1943 vom einstürzenden Turm der Martinskirche und zerbrach.

Am Montag haben alle Kasseler Kirchenglocken geläutet und an den schlimmsten von 40 Bombenangriffen auf Kassel im Zweiten Weltkrieg erinnert.

Um 20.44 Uhr fielen vor 75 Jahren die ersten von insgesamt 400.000 Bomben. Um diese Uhrzeit wurden die Glocken von allen evangelischen und den elf katholischen Kirchen geläutet (mehr lesen Sie unten). Die HNA hat dieses Glockengeläut live übertragen.

Was damals geschah, hat Kassel bis heute geprägt. Innerhalb kurzer Zeit entfachten schwere Sprengbomben, Luftminen und Zehntausende von Brandbomben ein riesiges Feuer in der Altstadt. Kassel gehörte bis zu diesem Tag zu den schönsten Fachwerkstädten in Deutschland. Wir erinnern an den Schicksalstag der Stadt:

Erinnerungen an die Bombennacht

In der Kindervorstellung des Preußischen Staatstheaters am Friedrichsplatz lief damals „Der gestiefelte Kater“, im Ufa-Kino der Film „Münchhausen“ mit Hans Albers. Der 22. Oktober 1943 war ein richtig schöner und warmer Herbsttag. Zeitzeuginnen berichten, dass sie ihr Sommerkleid noch einmal angezogen hätten. Als am Abend die Sirenen heulten, gehörte das schon fast zur Routine.

Einen kleinen Koffer mit den wichtigsten Sachen habe man immer griffbereit gehabt, erinnern sich die Zeitzeugen. Deshalb sind auch noch einige Privatfotos aus dieser Zeit gerettet worden.

Wer bei dem Großangriff vom 3. Oktober dabei war, hatte bereits eine Vorstellung von der enorm gewachsenen Zerstörungskraft der britischen und amerikanischen Flieger. Die Royal Air Force sollte bereits 19 Tage vor der Bombennacht die Kasseler Innenstadt zerstören. Die Zielmarkierungen gingen allerdings daneben. Am 22. Oktober war das anders. Da leuchteten am frühen Abend die ersten „Christbäunme“ – so nannte man die Zielmarkierungen – über den Türmen der Martinskirche.

Bomber flogen Scheinangriff auf Frankfurt

Von einer trügerischen Ruhe nach dem Bombenalarm berichten die Menschen. Der riesige Schwarm der Bomber hatte einen Scheinangriff auf Frankfurt geflogen. Doch dann bogen sie Richtung Kassel ab. Um 20. 21 Uhr fielen die ersten Bomben. Die Zielmarkierungen waren diesmal absolut präzise. Wie so oft zuvor suchten die Menschen Schutz in Bunkern und Kellern. Doch spätestens als die Mischung aus Spreng- und Brandbomben einen Feuersturm in der Fachwerkstadt ausgelöst hatten, wurden die Luftschutzkeller zur tödlichen Falle mit zu wenig Sauerstoff und zu viel Rauch.

Die meisten Menschen starben damals in vermeintlich sicheren Luftschutzkellern. Hier wurde die Luft durch das Feuer immer schlechter, der Sauerstoff immer weniger. Eine Chance hatten nur diejenigen, die es aus den Kellern ins Freie schafften.

Immer wieder berichten die Überlebenden, dass sie aus den Kellern ins Freie geflohen sind. Teilweise gegen die ausdrücklichen Anweisungen der Sicherheitskräfte.

Feuerschein war bis nach Marburg zu sehen

Andere saßen in der Falle. 10.000 Menschen kamen in dieser Nacht ums Leben, das alte Kassel, eine der schönsten Fachwerkstädte Deutschlands, wurde zerstört. Der Himmel über Kassel sei blutrot gewesen, berichten Zeitzeugen. Überall im Umland war das zu sehen. Selbst im 100 Kilometer entfernten Erfurt und auch in Marburg konnte man den Feuerschein noch deutlich erkennen.

Die Zerstörung Kassels war eine Katastrophe, vergleichbar mit den Angriffen auf Hamburg und Dresden. Sie war aber auch die Antwort der Briten auf den deutschen Angriffskrieg mit der Bombardierung von Städten wie London und Coventry zu Beginn des Krieges mit mehr als 40.000 Toten.

Am Tag danach: So sah es auf dem Friedrichsplatz nach der Bombennacht vom 22. Oktober 1943 aus. Damals ging nahezu die gesamte Kasseler Innenstadt im Feuersturm unter. Die Menschen auf dem Foto konnten zumindest einen Teil ihrer Habe und vor allem ihr Leben retten.

Der 22. Oktober 1943 hat sich im wahrsten Sinne des Wortes in das Gedächtnis der Menschen in Kassel eingebrannt. Noch gibt es Zeitzeugen, die davon aus eigener Anschauung berichten können. „Damit alle wissen, wie furchtbar Krieg ist“, hat eine von ihnen gesagt.

Alle Artikel und Bilder zur Bombennacht finden Sie in unserem Themen-Spezial.

Am Montag, 22. Oktober 2018, um 18 Uhr beginnt in der Martinskirche eine Gedenkveranstaltung mit Oberbürgermeister Christian Geselle. In einem Video berichten Zeitzeugen von den Ereignissen vor 75 Jahren. Nach einer Pause beginnt ein Gottesdienst mit Bischof Dr. Martin Hein und Dechant Harald Fischer. Um 20.44 Uhr läuten dann die Glocken. 

Angriff mit 400 Bombern auf Kassel

Bereits am 3. Oktober 1943 sollte die Kasseler Innenstadt bei einem Großangriff der britischen Luftwaffe zerstört werden. Die Zielmarkierungen gingen allerdings daneben. Am 22. Oktober hatten die Piloten absolut klare Sicht. Die Türme der Martinskirche dienten als Orientierung. 

  • 569 viermotorige Bomber der Typen Halifax und Lancaster starteten am frühen Abend in England. 400 davon werden den Angriff auf Kassel fliegen. 
  • Es gibt einen Scheinangriff auf Frankfurt. Um 20.15 Uhr drehen die Bomber Richtung Norden ab. Um 20.17 Uhr wird in Kassel Fliegeralarm ausgelöst. 
  • Um 20.44 Uhr fallen die ersten Bomben. Die letzten Bomber verlassen gegen 21.30 Uhr den Luftraum über Kassel. 
  • Gegen 22 Uhr erreicht der Feuersturm seinen Höhepunkt, noch sieben Tage später gibt es Brände.

Zeitzeugin Inge Roscher wurde am 22. Oktober 1943 zehn Jahre alt. Der Geburtstagskuchen kam mit in den Keller, Nachbarhäuser brannten. In diesem Artikel erfahren Sie, wie das Kind am Tag der Bombennacht Geburtstag feierte.

Gedenken am Montag auf dem Kaufhofdach

Zum 75. Jahrestag der Kasseler Bombennacht werden heute am Abend die Kirchenglocken der Stadt läuten. Daran beteiligen sich 33 evangelischen und elf katholischen Kirchen. Das Trauergeläut beginnt um 20.44 Uhr, dem Zeitpunkt, an dem damals die ersten Bomben fielen. Das Läuten wird in der ganzen Stadt zu hören sein. Es gibt aber mit dem Kaufhochdach einen besonderen Ort, an dem diese ungewöhnliche Aktion besonders gut verfolgen kann.

Die HNA und die Galeria Kaufhof machen es möglich, dieses Ereignis auf dem obersten Parkdeck zu erleben. Von dort hat man einen außergewöhnlichen Rundblick über die Stadt und sieht unter anderem die Türme der Martinskirche, der Lutherkirche, der Karlskirche, der Elisabethkirche und von St. Familia.

Ab 20 Uhr, wenn das Warenhaus schließt, wird der Kaufhof rechts neben dem Haupteingang am Opernplatz den Zugang zum Treppenhaus öffnen, um Besucher aufs Dach zu lassen. Aus Sicherheitsgründen können maximal 500 Menschen noch oben. Wer einen Fahrstuhl braucht, wird vom Sicherheitspersonal begleitet. Auch für einen Sanitätsdienst ist gesorgt. Auf dem Parkdeck installieren Kaufhof-Mitarbeiter für den Abend eine stimmungsvolle farbige Beleuchtung sowie einige Heizstrahler. Wenn es regnen sollte, kann man das Glockengeläut trotzdem im Trockenen hören. Dann geht es eine Etage tiefer auf die überdachte 5. Ebene des Parkhauses.

Kassel in Schutt und Asche: So sah es in der Kasseler Altstadt wenige Tage nach der Bombennacht aus. Das bislang unveröffentlichte Foto mit der Ruine der Martinskirche (rechts) hat uns Meinhard Ditschar zur Verfügung gestellt.

Der Abend fing mit einer Verabredung im Residenzcafé an und endete mit einer Odyssee durch den Feuersturm. Horst Wagner hat aufgeschrieben, was er damals erlebt hat.

Hintergrund: 40 Angriffe bis März 1945

Zwischen dem 22. Juni 1940 und dem 21. März 1945 gab es 40 Bombenangriffe auf Kassel. Dabei fielen rund 18.000 Tonnen Bomben - 34.862 Spreng- und 436.324 Brandbomben. Durch die Angriffe sind 12.000 Menschen ums Leben gekommen. Als zu Beginn des Zweiten Weltkrieges das Bomberkommando der britischen Royal Air Force die Luftkriegsziele in Deutschland in einer Prioritätenliste zusammenfasste, wurde Kassel wegen seiner Bedeutung als Standort für die Rüstungsindustrie als vorrangiges Ziel eingestuft.

Bereits am 3. Oktober 1943 gab es einen Großangriff auf Kassel, bei dem die Innenstadt zerstört werden sollte. 540 schwere Bomber nahmen Kurs auf die Stadt. Die zur Zielmarkierung eingesetzten Maschinen verfehlten den Zielpunkt in südöstlicher und östlicher Richtung. Deshalb wurden Stadtteile in diesen Bereichen getroffen und das Dorf Sandershausen zur Hälfte zerstört. Auch Wolfsanger und Ihringshausen wurden schwer getroffen.

Am 22. Oktober 1943 wurde dann die Innenstadt rund um die Martinskirche mit voller Wucht getroffen. Fast 400.000 Stabbrandbomben fachten zusammen mit Sprengbomben, Luftminen und Flüssigkeitsbrandbomben einen Feuersturm an. Innerhalb einer Stunde stand die gesamte Altstadt in Flammen, 10.000 Menschen verloren ihr Leben.

Buch zur Bombennacht: Erste Auflage schon ausverkauft

Das HNA-Buch zur Bombennacht kommt bei den Lesern gut an. 2500 Exemplare der ersten Auflage seien bereits verkauft, teilte der Wartberg Verlag mit, der das Buch verlegt. Lieferengpässe werde es nicht geben, denn eine weitere Auflage sei bereits gedruckt und im Buchhandel und HNA-Geschäftsstellen erhältlich.

Thomas Siemon: „Trümmer, Tod und Tränen“, 12,90 Euro.

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