Gedenken an NSU-Mord

Halitplatz eingeweiht - Minister Hahn entschuldigt sich

Kassel. Es war vor allem in der Nordstadt umstritten, den Platz an der Holländischen Straße/Ecke Mombachstraße nach dem im April 2006 ermordeten Halit Yozgat zu benennen.

Letztlich stimmte der Ortsbeirat im Juni dieses Jahres mit großer Mehrheit dem Vorhaben dann doch zu. Am Montagmittag wurden sowohl das Schild Halitplatz als auch ein Gedenkstein für die zehn Opfer der Mordserie der rechtsterroristischen Gruppe NSU enthüllt. Vor 250 Menschen sagte Hessens Justizminister Jörg-Uwe Hahn, diese Entscheidung sei richtig gewesen.

Der stellvertretende Ministerpräsident bat die Familie von Halit Yozgat im „Namen der Landesregierung“ um Entschuldigung. Einerseits, weil „unsere Mitarbeiter“ es nicht geschafft hätten, den 21-Jährigen vor den Terroristen zu schützen, andererseits, weil nach dem Mord Verdächtigungen gegenüber der Familie ausgesprochen worden seien. Zu Unrecht.

Einweihung des Halitplatzes in Kassel

Hahn sagte in Anlehnung an den früheren Bundespräsidenten Christian Wulff: „Ich glaube, dass dieser Tag deutlich macht, dass türkischstämmige Menschen und der Islam zu Hessen gehören.“ Bundespräsident Joachim Gauck hatte anlässlich der Gedenkfeier eine Grußbotschaft nach Kassel geschickt, die von der Stadtverordnetenvorsteherin Petra Friedrich verlesen wurde. Er danke der Stadt Kassel, die dem gemeinsamen Erinnern an Halit Yozgat und den anderen NSU-Opfern Raum gebe.

Der türkische Botschafter Avni Karslioglu erinnerte daran, wie die Angehörigen der Ermordeten durch falsche Verdächtigungen immer wieder beleidigt worden seien. Die Presse habe die Verbrechen durch den Begriff „Döner-Morde“ darüber hinaus banalisiert. Nur zufällig sei es im vergangenen Jahr ans Licht gekommen, dass die Morde von Neonazis organisiert und geplant worden seien, sagte der Botschafter.

Der Plan der Terroristen, Hass zwischen Deutschen und Türken zu säen, sei allerdings nicht aufgegangen. „Die Kugeln, die auf die türkisch-deutsche Freundschaft gezielt worden sind, hatten keine Chance zu treffen“, sagte Karslioglu. Er bedankte sich bei der Kasseler Bevölkerung und der Stadt, besonders bei Oberbürgermeister Bertram Hilgen, den Platz nach Halit Yozgat zu benennen. Hilgen erinnerte daran, dass es bei dieser Mordserie noch viele offene Fragen gebe, die jetzt im Untersuchungsausschuss aufgearbeitet würden.

Es seien Fragen, die ein Rechtsstaat „glasklar“ beantworten müsse. Ismail Yozgat, der Vater des Mordopfers, sagte, er werde bis zu seinem Lebensende den Wunsch im Herzen tragen, dass die Holländische Straße nach seinem Sohn benannt wird. Darüber hinaus zeigte sich der Vater versöhnlich: „Wir lieben Deutschland und die Deutschen. Wir vertrauen auch der deutschen Justiz.“ (use)

Dokumentation der Rede des Bundespräsidenten:

Sehr geehrte Damen und Herren,

verehrte Angehörige und Freunde von Halit Yozgat, wenn Sie heute an den jungen Mann erinnern, den Sie seit sechs Jahren sehr vermissen, dann bin ich in Gedanken bei Ihnen. Halit Yozgat muss seinen Platz in dieser Stadt und im Gedächtnis unseres Landes haben. Er war ein geachteter Nachbar.

Er war Kasseler Bürger. Er war einer von uns. Für viele – auch für mich – ist dies ein Tag, an dem sich die damalige Traurigkeit, Wut und auch das Aufbegehren mit dem verbinden, was wir heute hier tun. Der Verstand allein kann uns nicht trösten, wenn wir der Ermordung Halit Yozgats gedenken. Wir verstehen einfach nicht, wie es soweit kommen konnte, dass sich der rechte Hass in Deutschland völlig ungebremst Bahn brach.

Zehn Menschen hat er in den Tod gerissen. Sie alle haben ihren Platz in unserer Erinnerung. Und sie alle verdienen unsere ganze Kraft, das Geschehene aufzuarbeiten. Versäumnisse benennen – Verantwortung bekennen: Nur so werden wir aus tödlichen Fehlern lernen und neue Verbrechen verhindern können. Nur so werden jene, die Halit Yozgat sehr liebten, eines Tages Ruhe finden.

Ich meine eine Ruhe, die Frieden in der Seele bedeutet. Sie stellt sich leider nicht von selbst ein. Innere Kämpfe, manchmal auch Gefechte um scheinbare Äußerlich-keiten gehen ihr voraus. Dass wir uns dennoch zu gemeinsamen Einsichten durchringen, dass wir das Verbindende über das Verschiedene stellen können, zeichnet eine demokratische und lernfähige Gesellschaft aus.

Deshalb bin ich vielen Menschen heute dankbar: Ich danke Ismail Yozgat, der aus dem Namen seines Sohnes nicht nur ein Zeichen der Erinnerung, sondern auch ein Symbol der Hoffnung gemacht hat. Welche Kraft gehört dazu! Ich danke der Stadt Kassel, die dem gemeinsamen Erinnern an Halit und an die anderen NSU-Opfer Raum gibt.

Dieser Gedenkstein mahnt: Lassen Sie uns wachsam bleiben! Lassen Sie uns unermüdlich klarstellen, dass dieses Land keinen Extremismus duldet! Und lassen Sie uns alles dafür tun, dass rechte Gewalt und rechtsradikales Gedankengut nie die Oberhand gewinnen – weder hier in Kassel noch anderswo in unserer Gesellschaft. Diese Botschaft hat heute hier einen festen und deshalb guten Platz gefunden.

Joachim Gauck, Bundespräsident

Video aus dem Archiv: Kasseler Opfer von Neonazi-Mordserie: Gedenken an Halit Yozgat

Rubriklistenbild: © HNA/Pflüger-Scherb

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