"Je mehr Eltern in Ratgebern und im Internet lesen, desto verwirrter sind sie"

Experte: Eltern sind verunsichert und stellen Kinder oft mit Smartphone ruhig

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Beliebtes Mittel zum Ruhigstellen: Eltern geben ihren Kindern immer häufiger ein Smartphone in die Hand, wenn sie gerade keine Zeit haben.

Viele Eltern sind verunsichert und stellen ihre Kinder zu oft mit dem Smartphone oder Tablet ruhig: Dies sind nur zwei Beobachtungen des Kinder- und Jugendpsychotherapeuten Rainer Hilbert.

Hilbert hat 20 Jahre lang die Frühförderstelle des Familienberatungszentrums Kassel geleitet. Aus Anlass seines Ruhestandes sprachen wir mit Hilbert über die Herausforderungen für die heutige Elterngeneration und die Folgen für deren Kinder.

Sind die Eltern in ihrer Rolle unsicherer geworden?

Rainer Hilbert: Ja, viel unsicherer. Das liegt auch an den vielen Ratgebern und dem Internet. Viele Eltern suchen im Netz Hilfe. Je mehr Eltern lesen, desto verwirrter sind sie. Insgesamt sind die Fragen zur Erziehung viel tiefergehend als früher. Die Antworten sind aber auch komplexer. Früher haben sich Eltern vor allem mit ihren eigenen Eltern und den Großeltern über die Kindererziehung ausgetauscht.

Was verunsichert die Eltern?

Hilbert: Die Frage, ob sie ihre Rolle gut genug ausfüllen. Wobei es da kein richtig oder falsch gibt. Auch das Vergleichsdenken mit anderen Kindern ist ausgeprägt. Schon bei der Frühförderung von Babys oder beim Mutter-Kind-Turnen fangen Eltern an zu registrieren, was ihre Kinder können und was nicht. Dahinter steckt die Sorge, dass das eigene Kinder in der Leistungsgesellschaft nicht mithalten kann.

Was hat sich da gesellschaftlich verändert?

Hilbert: Früher war der Familienalltag viel stärker durch Rituale geprägt. Heute wird in der Erziehung mehr ausprobiert. Wenn das Kind beispielsweise nicht schlafen will, versuchen Eltern unzählige Strategien. Früher gab es da vielleicht zwei. Ein großes Problem sind die Smartphones und Tablets. Wenn Eltern keine Zeit haben, werden sogar Kinder im Kindergartenalter damit ruhiggestellt. So etwas sieht man tagtäglich in der Straßenbahn oder im Wartezimmer beim Arzt. Es ist ein einfaches und äußerst effektives Mittel. Vergleichbar mit dem Schnuller. Dem Reiz technischer Geräte sind die Kinder schnell erlegen. Irgendwann reicht es auch nicht mehr zu sagen: Mach das Ding weg!

Haben die Eltern da nicht auch eine Vorbildfunktion?

Hilbert: Viele Eltern schaffen es nicht, in Gegenwart ihrer Kinder eine Weile auf das Smartphone zu verzichten. Es gibt sogar Untersuchungen, die zeigen, dass Kinder ihre Eltern sogar häufiger auffordern, ihr Handy wegzupacken.

Welche Folgen hat diese Entwicklung?

Hilbert:Es stellt uns in der Frühförderung vor große Aufgaben. Die Eltern reden in der Folge weniger mit ihren Kindern. Dies führt zu Sprachentwicklungsstörungen, von denen immer mehr Kinder betroffen sind – nicht nur jene mit Migrationshintergrund. Wir erleben Kinder, die mit drei Jahren noch nicht mehr als zehn Worte sprechen können. Insgesamt ist der Sprachschatz reduziert. Gleichzeitig wissen die Kinder aber, wie sie ein Youtube-Video starten. Fast jedes Kind beherrscht inzwischen das Wischen auf dem Smartphone.

Was bedeutet das für die weitere Entwicklung?

Hilbert: Es gibt Extremfälle, in denen Kinder infolge des starken Handykonsums gar keine sozialen Bindungen mehr mit anderen Kindern aufbauen. Die kommen in die Kita und wissen nicht, wie spielen geht. Wir erleben Kinder in der Frühförderung, die eine Eins-zu-Eins-Betreuung benötigen, weil sie in den Gruppenalltag einer Kita nicht integrierbar sind. Die Zahl sozial auffälliger Kinder steigt.

Wie sollten Eltern sich verhalten?

Hilbert: Die Kinder registrieren ziemlich genau, wenn die Eltern unsicher sind. Sie erkennen schnell, wenn beispielsweise Strafandrohungen nicht durchgesetzt werden. Es fehlt an Klarheit und an klaren Grenzen. Nicht zuletzt mangelt es auch an Ritualen. Viele Familien essen nicht mal mehr zusammen. Solche Rituale geben den Kindern Sicherheit.

Aber wie passt das damit zusammen, dass Eltern heutzutage alles richtig machen wollen?

Hilbert: Eltern sind beruflich viel stärker unter Druck als früher. Der Lebensalltag hat sich verdichtet und dies führt dazu, dass weniger Zeit für Aktivitäten bleibt. Um dies zu kompensieren, planen Eltern große Erlebnisevents am Wochenende. Sie fahren mit ihren Kindern in Freizeitpark oder Ähnliches. Dabei wäre es hilfreicher, im Alltag Freiräume zu schaffen. Dies kann ein gemeinsamer Einkauf sein, ein Abstecher zum Spielplatz oder einfach nur das Zeitverbringen zu Hause. Aus solcher unverplanter Zeit kann sich etwas entwickeln.

Was wäre ihr Wunsch zu Weihnachten?

Hilbert: Das Eltern offen sind für die Wünsche ihrer Kinder, nicht mit ihnen von einer Aktion zur nächsten hetzen und sich Zeit nehmen zum gemeinsamen Spielen.

Zur Person

Rainer Hilbert (63) war von 1998 bis 2018 Leiter der Frühförderstelle im Familienberatungszentrum Kassel. Hilbert stammt aus Eckernförde. In Kiel studierte er Lehramt (Grund- und Hauptschule). Der Liebe wegen kam er nach Kassel. Er machte eine Ausbildung zum Sozialtherapeuten und zum Kinder- und Jugendpsychotherapeuten. Seit 1992 arbeitete er beim Familienberatungszentrum. Hilbert ist verheiratet und hat vier Kinder und neun Enkelkinder.

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