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Hickhack um eine Arbeitserlaubnis

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Von: Christina Hein

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Lejla Bulic (links) und Heike Schaumann vor dem Seniorenheim Albert-Kolbe-Heim, wo Lejla Bulic Altenpflegehelferin gelernt hat.
Fit für die Pflege: Lejla Bulic (links) und Heike Schaumann vor dem Seniorenheim Albert-Kolbe-Heim, wo Lejla Bulic Altenpflegehelferin gelernt hat. © Christina Hein

Arbeitskräfte in der Pflege sind Mangelware und so begehrt, dass sie zum Teil im Ausland aufwendig angeworben werden. Fast jedes Seniorenheim sucht das kostbare Gut Altenpflegerinnen händeringend. Deshalb hat jetzt der Fall der jungen Altenpflegehelferin Lejla Bulic, die aufgefordert wurde, ihre Arbeit niederzulegen, auch für Verwunderung und Protest gesorgt.

Kassel. Die Ausländerbehörde hatte kürzlich den von Bulic gestellten Antrag auf Erlaubnis der Beschäftigung im Kasseler Albert-Kolbe-Heim abgelehnt. „Leider hat die Bundesagentur für Arbeit die Zustimmung für die von Ihnen beantragte Beschäftigung verweigert“, heißt es im entsprechenden Schreiben vom Kasseler Bürgeramt Abteilung für Zuwanderung und Integration.

Dabei hatte Bulic ihre Arbeitsstelle im Anschluss an ihre zweijährige Ausbildung zur Altenpflegehelferin bereits am 1. Oktober 2021 angetreten. Für das Frühjahr plante die 20-jährige Serbin in die qualifizierte generalistische Ausbildung zur Altenpflegerin zu starten. Der entsprechende Schulplatz bei der Deutschen Angestellten-Akademie war schon gesichert ebenso ein Kitaplatz für ihren eineinhalb Jahre alten Sohn.

Dann kam der Behördenbrief, darin heißt es: Die Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis zur Beschäftigung als Altenpflegehelferin sei nur mit Zustimmung der Bundesagentur für Arbeit möglich. Diese Zustimmung hatte die BA verweigert und darauf verwiesen, dass Anträge nach der sogenannten Westbalkan-Regelung vom Ausland aus gestellt werden müssen.

Heike Schaumann, die Leiterin des Wehlheider Albert-Kolbe-Heims sowie der Hausgemeinschaften am Heimbach – beide in Trägerschaft des Nikodemus-Werks –, war fassungslos angesichts dieser bürokratischen Hemmnisse. „Ich kämpfe zurzeit um jede einzelne Mitarbeiterin, um jeden Mitarbeiter.“ Und ganz besonders um Lejla Bulic, die sie selbst ausgebildet hatte. „Da hat man schon mal eine gute Arbeitskraft und dann wird sie einem wieder weggenommen. Das ist nicht normal.“ Die behördliche Aufforderung vor zwei Wochen, Lejla Bulic solle die Arbeit niederlegen, traf Heike Schaumann und Lejla Bulic wie ein K.-o.-Schlag.

Bulic kam der Aufforderung nach und erfuhr, dass ihr kein Arbeitslosengeld zustehe. Sie war verzweifelt. Der Gedanke, für ein Visum nach Belgrad reisen zu müssen, habe ihr Angst gemacht. Das letzte Mal musste sie über ein Jahr lang auf ihre in Serbien beantragten Papiere warten.

Doch jetzt ist Lejla Bulics Fall nach den Recherchen der HNA zu einem guten Ende gekommen. Nach einer Einzelfallprüfung durch das Arbeitsamt hat die Serbin die Erlaubnis bekommen zu arbeiten. Damit ist auch ihr Aufenthaltsstatus gesichert. Der Fall sei von einem Arbeitsmarktzulassungsteam in Frankfurt geprüft worden, heißt es von der Agentur in Kassel: „Die mussten das auf Basis der Aufenthaltsgesetze negativ bescheiden.“ Nach einer schnellen Neubewertung sei man jetzt zu einer positiven Einschätzung gelangt.

Lejla Bulics Vater war 2007 nach Deutschland gekommen, um hier, zuletzt in Kassel, auf dem Bau zu arbeiten. 2018 hatte er seine beiden Kinder nachgeholt. Lejla Bulic belegte einen Sprachkurs und lernte schnell Deutsch. Dann erlitt ihr Vater einen Arbeitsunfall, der ihn arbeitsunfähig machte. Ohne Hoffnung auf Arbeit in Deutschland kehrte er nach Serbien zurück. Lejla Bulic – inzwischen selbst Mutter – blieb. Es war ihr Deutschlehrer, der ihr geholfen hatte, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, bei dem sie parallel den Hauptschulabschluss machen konnte. Vorher musste sie nach Serbien, um ein Visum zu beantragen. Von Oktober 2019 bis 2021 machte Lejla Bulic ihre Ausbildung, die sie mit sehr gut bestand, ebenso ihren Schulabschluss. Ihr Aufenthaltstitel war am 30. September 2021 abgelaufen. „Ich dachte, wenn man eine Arbeitsstelle hat, darf man bleiben“, sagt sie.

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Warum nicht gleich so? Warum so umständlich, so wenig nachvollziehbar und für die Betroffenen überflüssig nervenzehrend?

Der Fall der jungen Altenpflegehelferin aus Serbien, die nichts anderes will, als in ihrem erlernten Beruf zu arbeiten, sei jetzt noch einmal besprochen und der Sachverhalt eingehend geprüft worden, erklärte die Sprecherin der Kasseler Agentur für Arbeit. Nun seien alle Informationen und Umstände eingeflossen mit dem Ergebnis, Lejla Bulic doch noch eine Arbeitserlaubnis zu erteilen. Die hatte danach übrigens nichts Eiligeres zu tun, als – überglücklich – sofort wieder ihren Arbeitsplatz im Seniorenheim anzutreten. Ein gutes Ende also?

Mitnichten. Es geht hier nicht allein um diesen individuellen Fall. Und selbst der ist mehr als ein persönliches Schicksal. Schließlich übt die Altenpflegehelferin eine – um ein grässliches Modewort zu benutzen – systemrelevante Tätigkeit aus. Ist ein wichtiges Rädchen im Getriebe. Noch dazu in einem Arbeitsbereich, der Pflege, von dem bekannt ist, dass wir angesichts eines eklatanten Mangels an Arbeitskräften auf eine gesellschaftliche Katastrophe zusteuern. Menschen, die in diesem Bereich arbeiten wollen, müsste man – wenn schon die Bezahlung alles andere als fürstlich ist – rote Teppiche ausrollen. An erster Stelle von der Bundesarbeitsagentur für Arbeit.

Es ist kaum verständlich, dass in der obersten Arbeitsbehörde kleinkariert Paragrafen gewälzt werden und Bürokratie auf die Spitze getrieben wird, wenn eine einfache Prüfung ergibt: Hier ist ein ausgebildeter Mensch, der in der Pflege arbeiten will. Was gibt es da noch lange abzuwägen?

(Christina Hein)

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