Ehemalige Oberbürgermeister:

Ehemalige Oberbürgermeister: Wie hielten sie es mit der NS-Ideologie?

Von den Alliierten berufen: Willi Seidel.

Kassel. Sie führten die Geschicke der Stadt zwischen 1945 und 1975: Was Willi Seidel, Lauritz Lauritzen und Karl Branner als Oberbürgermeister für den Wiederaufbau leisteten, steht nicht infrage.

Dafür wurden sie im Fall von Branner und Seidel zu Ehrenbürgern der Stadt, und Bauwerke (Karl-Branner-Brücke, Karl-Branner-Halle, Willi-Seidel-Haus) wurden nach ihnen benannt. Doch die nun bekannt gewordenen Belege zu ihrer Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus deuten darauf hin, dass sie diesem näher gestanden hatten, als sie später einräumten.

Anne Belke-Herwig und Barbara Orth, die für die Veröffentlichung des Buches „Kassel in der Moderne“ in Zusammenarbeit mit dem Kasseler Historiker Dietfrid Krause-Vilmar die Belege aus den Archiven ausgegraben hatten, lassen keine Zweifel an der Eindeutigkeit des Materials. „Dass die Doktorarbeit Branners von nationalsozialistischen Gedanken geprägt ist, darüber lässt sich ebenso wenig streiten, wie dass er in der NSDAP war“, sagt Belke-Herwig.

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Stadt will Gewissheit über Branners NS-Zeit

Es gehe daher nun um die Frage, wie er selbst und wie die Stadtpolitik nach 1945 mit dem Thema umgegangen seien. Die Autorinnen kommen zu dem Schluss, dass dieses Kapitel verschwiegen, verdrängt und heruntergespielt wurde. Branner, Seidel und Lauritzen hätten in der Zeit der NS-Herrschaft keine Verbrechen begangen, aber sie hätten ihre Rolle in der NS-Zeit nicht verschweigen dürfen. Aber auch kaum jemand habe sich danach erkundigt.

Karl Branner (1910-1997) war von 1963 bis 1975 SPD-Oberbürgermeister. Der Bäckersohn aus Kassel ging zum Studium der Volkswirtschaft nach Göttingen. 1937 verfasste er seine Doktorarbeit mit dem Titel „Wesen und Zweck der Besteuerung“. Obwohl es die Promotionsordnung nicht vorsah, markierte er alle jüdischen Autoren bei seinen Zitaten mit einem Stern. Nach Auskunft des Historikers Krause-Vilmar war dies eine Kennzeichnung, wie sie NS-Juristen forderten.

Artikel im HNA-Lexikon

Karl Branner

Willi Seidel

Lauritz Lauritzen

In der Doktorarbeit findet sich keine offene Judenhetze. Aber er schreibt Sätze wie: „An die Stelle der Auffassung der Steuer als notwendiges Übel tritt damit die Anschauung, daß sie eine notwendige Leistung des Einzelnen an die Volksgemeinschaft, deren Glied er ist, darstellt. (...) Sie wird so zu einer wirklichen Gemeinschaftsleistung, zu einem Akt der Gefolgschaftstreue gegenüber dem durch den Führer geführten Volke.“

In der NSDAP-Mitgliederkartei hat Branner die Nummer 1 847 850, eingetreten ist er am 1. Mai 1933. Er war zudem Mitglied im Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps (paramilitärische NSDAP-Unterorganisation), führend tätig im NS-Rechtswahrerbund und in der NS-Wohlfahrt.

Von den Alliierten berufen: Willi Seidel.

Willi Seidel (1885-1976) wurde 1945 von den Alliierten zum kommissarischen Oberbürgermeister ernannt und 1946 im Amt bestätigt. 1937 hatte er einen NSDP-Aufnahmeantrag gestellt. Ob er aufgenommen wurde, ist unklar, weil die entsprechenden Akten fehlen. In Briefen der NSDAP-Gauleitung wurde er aber als „Parteigenosse“ angeschrieben. Im Krieg war er Leiter einer wehrwirtschaftspolitischen Abteilung und im Auftrag der NSDAP für die Raumbeschlagnahme zuständig.

Ab 1954 Oberbürgermeister: Lauritz Lauritzen.

Lauritz Lauritzen (1910-1980) war von 1954 bis 1963 Oberbürgermeister. In der NS-Zeit war von 1934 bis 1938 Mitglied der Reiter-SA. Als er 1973 damit konfrontiert wurde, sagte er: „Weil mir das Reiten Spaß gemacht hat, bin ich in die Reiter-SA eingetreten.“ Zudem gehörte er dem NS-Rechtswahrerbund (einer Organisation nationalsozialistischer Juristen) und der NS-Volkswohlfahrt an. Im Krieg arbeitete der spätere Bundesverkehrsminister in der Reichsstelle für Chemie in Berlin.

Das sagt der Historiker: "Durch und durch nationalsozialistisch"

Der Historiker und emeritierte Professor der Uni Kassel, Dietfrid Krause-Vilmar, hat die Forschungen zur NS-Geschichte der Oberbürgermeister begleitet. "Die Sache ist im Fall Branner eindeutig. Seine Doktorarbeit ist durch und durch nationalsozialistisch gedacht. Die jetzt von der Stadt geplante Aufarbeitung seiner Rolle finde ich gut, aber sie müsste auf alle Oberbürgermeister der Nachkriegszeit ausgedehnt werden."

Hintergrund: Eigene Grundsätze missachtet

Nach den im Juni 1945 von Willi Seidel mitverfassten Grundsätzen der Stadt durften im Magistrat keine Personen sitzen, die Mitglied der NSDAP, der SA oder SS waren. Offenbar prüfte dies aber niemand.

Von Bastian Ludwig

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