Der Star soll das Festival sein

Milky Chance kommen nach Hause: So ist das Andere-Welt-Festival

Kamen aus Budapest in die Heimat: Philipp Dausch (links) und Clemens Rehbein von Milky Chance wurden von 300 Fans bejubelt.
+
Kamen aus Budapest in die Heimat: Philipp Dausch (links) und Clemens Rehbein von Milky Chance wurden von 300 Fans bejubelt.

Das Andere-Welt-Festival auf Gut Kragenhof bei Kassel will anders sein. Zum Auftakt traten Milky Chance auf. Nicht nur vom Pop-Duo waren viele Besucher begeistert.

Kassel – Selten wurde über ein Festival so diskutiert wie über die „Andere Welt“. Am Donnerstag startete die erste Auflage auf Gut Kragenhof mit dem Pop-Duo Milky Chance. Ursprünglich sollten die Karten für das fünftägige Festival 200 Euro kosten. Doch nun gibt es das Programm für umsonst – lediglich 20 Euro Müllpfand sind fällig. Auf die Halbinsel in der Fuldaschleife dürfen nur Geimpfte und Genesene. Mitten in der Pandemie wird hier ohne Abstand und Maske gefeiert. Zeigt die „Andere Welt“ für die Kultur einen Ausweg aus der Dauerkrise? Eindrücke vom Auftakt.

Der Ort

Wer es zu Fuß oder mit dem Rad auf die Halbinsel geschafft hat, wird sich sofort in diesen Ort verlieben. Autos dürfen an den fünf Tagen nicht aufs Gelände. Man ist sogleich in einer anderen Welt, hört die Grillen zirpen und staunt etwa über einen Dancefloor mitten im Wald, auf dem gefeierte Techno-Künstler wie Dominik Eulberg bis zum frühen Morgen auftreten.

Der Berliner Filmproduzent Patrick Schorn hat sich vor einem Jahr in Gut Kragenhof verliebt, als er für einen Dreh hier war. Mit Familie Merz, die das Gut betreibt, hat er für das Festival einen Verein gegründet. Vom Land Hessen, das Open-Air-Formate unterstützen will, gab es eine stattliche Förderung von 400 000 Euro. Auch das sorgte für Kritik. Den Eigenanteil von 160 000 Euro müssen die Macher nun allein aus Gastro-Einnahmen und über Sponsoren finanzieren.

Die Besucher

Frauke Stehl kann die Kritik nicht nachvollziehen. Die Kulturveranstalterin aus Kassel war von Anfang an „vom nachhaltigen Konzept überzeugt“, wie sie sagt. Es gibt grünen Strom, Öko-Toiletten und ausschließlich veganes und vegetarisches Essen aus der Region – etwa vom Kasseler Restaurant Herbstapfel. Stehl findet es „toll, für fünf Tage in eine andere Welt abzutauchen. Es ist einfach unglaublich schön hier.“

Die bislang 1500 Besucher campen nicht nur in eigenen Zelten. Adam Piohsek aus Kassel hat mit seiner Frau für 500 Euro ein Glamping-Zelt gemietet. Mit der schicken Einrichtung bekommt Camping hier Glamour. Früher feierte Piohsek beim Open Flair und in Wacken. Die „Andere Welt“ ist für ihn ein Ersatzurlaub. Er nickt, als seine Frau sagt: „Man merkt, dass die Organisatoren das zum ersten Mal machen, aber alle sind supernett.“ Mit wem man auch spricht: Alle sind begeistert vom Gelände, den Künstlern und den Yoga-Gruppen, die es auch gibt.

Die Atmosphäre

Am Donnerstagabend steht Piohsek mit seiner Frau und 300 anderen Besuchern vor der Hauptbühne und bejubelt Milky Chance. Kassels erfolgreichster Pop-Export stand am Vortag noch in Budapest auf der Bühne. Nun ist die Band am Rande ihrer Heimatstadt die Attraktion. Es ist wieder wie vor Corona, als es ja noch eine andere Welt jenseits der Pandemie gab: Menschen tanzen eng an eng zu den Hits der Nordhessen, umarmen sich, fast niemand trägt eine Maske.

Das Kasseler Kulturzelt hatte zuletzt einen anderen Neustart gewagt. Auf die Hessenkampfbahn durften nicht nur Geimpfte und Genesene, sondern auch Getestete – aber nur mit Abstand und Maske. So habe das Kulturzelt gezeigt, „wie man es für alle sicher machen kann“, sagt Mitorganisator Jürgen Truß. Als Arzt findet der Radiologe: „Überall, wo der Abstand nicht eingehalten wird, auch zwischen Geimpften, wird die gesamte Gesellschaft später den Preis dafür zahlen, solange die Impfrate nicht deutlich angestiegen ist.“

Die Stars

Milky Chance spielten nicht nur ihre alten Hits, die jeder mitsingen kann. Auch den neueren Songs, die meist etwas zurückgenommener sind, verliehen Clemens Rehbein, Philipp Dausch, Antonio Greger und Sebastian Schmidt live eine ordentliche Wucht. Musik-Fan Alex Orlob hätte den tollen Auftritt beinahe verpasst. Er stand um 21 Uhr noch in Wilhelmshöhe auf dem Tennisplatz und erfuhr von einem Freund, dass Milky Chance schon um 22 Uhr auftreten. Die Veranstalter hatten vorher bewusst nicht mitgeteilt, wer an welchem Tag spielt, weil nicht große Namen anlocken sollen. Der Star soll das Festival sein. Orlob schaffte es aber in Rekordzeit mit einem Dauerlauf durch den Wald pünktlich zum ersten Song.

Kurzentschlossene können auch am Wochenende noch zum Festival, solange weniger als 2000 Besucher auf der Halbinsel sind. Infos: anderewelt-festival.de

Von Matthias Lohr

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.