Hier ist für fast alles ein Kraut gewachsen: Kräuter-Hilde ist eine Institution

Das Reformhaus „Kräuter-Hilde“, das Anna-Maria Klose seit mehr als 25 Jahren betreibt, ist eine Institution in Kassel.

Wenn Anna-Maria Klose Tee abwiegt, dann ist die Waage eigentlich überflüssig. Nach so vielen Jahren hat sie im Gefühl, wie viel 50 und wie viel 250 Gramm sind. Die Schaufel schiebt sich knisternd in die Schublade mit Pfefferminzblättern, unmittelbar steigt der Duft der getrockneten Kräuter in die Nase. „100 Gramm?“, fragt Klose. Ein Handgriff und exakt 100 Gramm landen in der Teedose.

Unzählige Schubladen und Dosen säumen die Wände im hinteren Bereich der Kräuter- Hilde am Martinsplatz. Baldrian, Löwenzahn, Sauerampfer – zum Kochen oder für Teeaufgüsse. „Eine vergleichbare Auswahl gibt es sonst nirgendwo in Kassel“, sagt Klose. Viele Kunden kommen mit einem Rezept vom Heilpraktiker, der eine bestimmte Teemischung aufgeschrieben hat. Auch Apotheken verweisen gelegentlich auf die Kräuterhilde, wenn sie selbst bestimmte Kräuter nicht vorrätig haben. Klose darf die Mischung nur nach Rezept zusammenstellen – selbst experimentieren darf sie nicht.

Als Klose in den 1980er-Jahren als Angestellte zur Kräuterhilde gekommen ist, musste sie eine Ausbildung zur Reformhaus-Fachberaterin machen und dann einen Sachkundenachweis zu freiverkäuflichen Arzneimitteln ablegen, um die Kräutermischungen verkaufen zu können. Heute sei das weniger kompliziert, sagt sie.

Oft kommen Kunden, die Kräuter mitbringen und nicht wissen, um welche Pflanze es sich handelt. Da kann Klose dann meist weiterhelfen. Schwierig sei es dann schon, wenn jemand nur ein Bild dabei hätte. Oder bei ausländischen Sorten.

Die Anfänge: Hilde Harte in den Nachkriegsjahren mit ihrem Kräutermobil im Stadtgebiet unterwegs. Repro/Foto: Andreas Fischer

Viele ihrer Kunden kennt die Expertin schon seit Jahren. Sie schätzen die persönliche Beratung und das Gespräch. Da wird gegenseitig gefragt, wie es denn geht, was die Kinder machen und ob denn sonst alles in Ordnung sei. Was Klose ärgert, wenn Kunden kommen, sich von ihr beraten lassen und dann am Ende doch woanders kaufen.

Auch immer mehr jüngere Menschen kommen in den Laden am Martinsplatz. Das war nicht immer so. „Man merkt deutlich, dass das Interesse an Naturheilkunde stark zunimmt“, sagt Klose. „Und ich glaube, dass das Wissen zukünftig noch gefragter sein wird.“

Gegründet wurde die Kräuterhilde bereits vor dem Krieg. Hilde Harte, bekannt als „Kräuter-Hilde“ bot die Kräuter auf ihrem Wagen an, bevor sie dann 1965 das Ladenlokal am Martinsplatz bezogen hat. 1981 starb die „Kräuter-Hilde“. Das Reformhaus wurde von ihrem Bruder Erich Gunkel weitergeführt. Der bot 1994 Klose an, das Geschäft zu übernehmen. „Da hab ich nicht lange gezögert“, sagt die 66-Jährige. „Der Laden war mir damals schon ans Herz gewachsen.“

Klose ist 1981 mit ihrer Familie aus Schlesien nach Kassel gekommen. „Wir hatten dort einen Bauernhof“, erzählt sie. „Deshalb kannte ich mich gut mit Kräutern aus. Pflanzen waren schon immer meine Leidenschaft, und die habe ich dann zum Beruf gemacht.“ Nicht nur ihre beiden Söhne fragen Klose oftmals um Rat, auch viele Freunde und Bekannte wissen mittlerweile: Für fast alles ist ein Kraut gewachsen.

„Aber ich bin im Rentenalter, ich werde den Laden nicht mehr ewig betreiben können“, sagt Klose. Auch wenn ihr viele Stammkunden bei jedem Einkauf sagen, dass eine Kräuter-Hilde ohne Anna-Maria Klose eigentlich kaum vorstellbar ist. Die 66-Jährige hat immer wieder telefonische Anfragen von Interessenten. „Aber ich will den Laden ja nicht sofort und einfach abgeben, ein bisschen will ich hier schon noch weitermachen“, sagt sie.

Ein möglicher Nachfolger muss ihre Leidenschaft teilen, außerdem muss die Chemie stimmen. All das klärt sich nicht am Telefon, findet Klose. Dafür ist eben dann eben doch noch kein Kraut gewachsen.

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