Ende des Impfzentrums in Kassel

Leiter des Impfzentrums im Interview: „Hier wurde so gut wie alles verimpft“

Blick von oben in die Aueparkhalle: Thomas Schmidt und Martina Pfeffermann bildeten die Leitung des Kasseler Impfzentrums.
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Waren mehr als acht Monate für den Ablauf in der Aueparkhalle verantwortlich: Thomas Schmidt und Martina Pfeffermann bildeten die Leitung des Kasseler Impfzentrums.

Das Impfzentrum in Kassel hat seine Türen geschlossen. Im Interview sprechen die Leiter in der Aueparkhalle über Herausforderungen der vergangenen Monate.

Kassel – Seit Januar war die Aueparkhalle das Zuhause des Kasseler Impfzentrums. Nun ist Schluss. Bundesweit wurden die Zentren geschlossen. Über die Erfahrungen der zurückliegenden Monate sprachen wir mit Thomas Schmidt und Martina Pfeffermann, den Leitern des Impfzentrums.

Frau Pfeffermann, Herr Schmidt, empfinden Sie ein klein wenig Wehmut?
Martina Pfeffermann: Das Ende des Impfzentrums sehe ich mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Ich bin schon stolz darauf, dass trotz aller Herausforderungen alles gut funktioniert hat. Alle haben viel Herzblut in die Arbeit gesteckt, es ist ein tolles Team zusammengewachsen. Ein Stück weit spüre ich Entlastung. Thomas Schmidt und ich haben bei der Feuerwehr beziehungsweise beim Gesundheitsamt auch noch andere Aufgabenbereiche.
Thomas Schmidt: Wir haben gehofft, noch schneller und noch mehr Menschen impfen zu können. Aber es war eine großartige Erfahrung. Und es geht ja weiter. Impfbus, Impfen im City-Point, mobile Teams – es gibt auch ab Oktober Angebote, sich impfen zu lassen.
Und Sie sind weiterhin mit im Boot?
Pfeffermann: Wir werden auch weiterhin die Impfangebote, die zunächst bis Jahresende laufen sollen, verantwortlich organisieren.
Apropos Verantwortung: Wie viele Stunden haben Sie als Leiter des Impfzentrums investiert?
Schmidt: An jedem Tag, auch an den Wochenenden, war mindestens einer von uns beiden hier vor Ort. Wir haben unter anderem Abläufe und Termine koordiniert, die Teams eingeteilt, den Impfstoff geordert, Absprachen mit Oberbürgermeister Geselle getroffen und waren Bindeglied zwischen operativem Bereich und Verwaltung. Pfeffermann: Außerdem haben wir die Sonderaktionen organisiert und geschaut, wie viele Impfstraßen am Tag benötigt werden. Aus Wiesbaden wussten wir, mit wie vielen Impfdosen wir planen können – wir haben versucht, einen kontinuierlichen Durchlauf zu ermöglichen.
Hat es lange gedauert, bis sich die Abläufe in der Aueparkhalle eingespielt hatten?
Pfeffermann: Das ging erstaunlich schnell. Vorab gab es mehrere Probedurchläufe. Wir hatten ein System mit den Laufzetteln entwickelt. Das haben sich andere Landkreise und Städte übrigens abgeschaut. Aber klar, vor dem Start war ich schon etwas aufgeregt.
Schmidt: Ich eigentlich gar nicht. Das waren ja zunächst überschaubare Termine. Und auch später haben wir alles so organisiert, dass keine Impfdosen übrig geblieben sind. Hier wurde so gut wie alles verimpft. Wenn abends noch Impfstoff übrig war, wurden umgehend impfberechtigte Personen von unserer Nachrückerliste kontaktiert. Pfeffermann: Es gab immer einen Plan, nichts verfallen zu lassen.
Wie lässt sich das Klima im Zentrum beschreiben?
Schmidt: Es war sicherlich zu Beginn eine zusammengewürfelte Truppe, die sich schnell gefunden hat und zusammengewachsen ist. Alle haben an einem Strang gezogen. Allen war das große Ziel vor Augen, möglichst viele Menschen zu impfen. Die Motivation war bis zuletzt groß. Ich hatte gerade die Impfstoffreste am Abend angesprochen. Obwohl manchmal schon Feierabend war, wurden diese dennoch verimpft.
Pfeffermann: Es herrschte von allen eine große Bereitschaft, mitzuhelfen. Als ob es jeder als seine Bürgerpflicht ansah, seinen Teil im Kampf gegen die Pandemie beizutragen. Es war egal, woher die Mitarbeiter kamen. Ob von der Stadtverwaltung, aus Krankenhäusern oder Arztpraxen, von Hilfsorganisationen, von der Sicherheitsfirma oder aus ganz anderen Bereichen – da wurde immer als Team zusammengearbeitet.
Es gab ja auch viel Lob.
Pfeffermann: Wir haben viele Dankesbriefe oder Mails erhalten. Das hat uns sehr gefreut. Und das haben wir immer an alle Mitarbeiter weiterkommuniziert. Gerade am Anfang, da hatten die älteren Menschen nach ihrer Impfung Tränen in den Augen. Das war pure Dankbarkeit, die wir jeden Tag zu spüren bekommen haben. Auch draußen in den Altenheimen: Da wurden die mobilen Teams mit Beifall empfangen. Bei dem Gedanken daran bekomme ich heute noch Gänsehaut.
Worin bestand denn die größte Herausforderung?
Pfeffermann: Unser Impfzentrum war auf deutlich höhere Kapazitäten ausgerichtet. Lange Zeit mussten wir dann mit geringen Mengen an Impfstoff arbeiten. Auch auf die oftmals wechselnden Rahmenbedingungen mussten wir uns einstellen und darauf reagieren.
Schmidt: Es kam sicherlich auch mal zu Diskussionen. Zum Beispiel anfangs mit den festgelegten Priorisierungen. Der eine oder andere hatte zu diesem Zeitpunkt keine Berechtigung, geimpft zu werden – und musste dann weggeschickt werden. Oder jemand wollte einen anderen Impfstoff haben, obwohl aber keine medizinische Notwendigkeit bestand, dann gab es Beschwerden. Aber das waren Ausnahmen.
Und das Hin und Her mit den Impfpässen: Das war ja vor allem ein Kasseler Problem, oder?
Pfeffermann: Aber auch das haben wir gemeistert und die Nachtragungen möglich gemacht.
Wie haben Sie die Impflinge wahrgenommen?
Schmidt: Es gab schon einige, die sehr aufgeregt waren. Ist doch auch verständlich bei einer neuen Impfung. Die haben sich aber schnell bei uns gut aufgehoben gefühlt. Wir haben versucht, niemanden allein zu lassen und immer zu helfen. Und ich hatte oft das Gefühl, sobald die Impfung erfolgt war, fiel vielen ein Stein vom Herzen.
Gab es den einen Moment, der in Erinnerung bleibt?
Schmidt: Einen? Ich könnte zig Anekdoten erzählen.
Zum Beispiel?
Schmidt: Ist noch gar nicht so lange her, beim Impfbus. Eine junge Frau hatte große Angst vor Spritzen, vor Arztkitteln, diese ganze Atmosphäre hat sie verunsichert. Das ging hin und her. Sie hat bitterlich geweint. Am Ende haben wir die Frau durch ihr Autofenster auf dem Parkplatz geimpft. Sie hat die Spritze nicht gemerkt und war am Ende glücklich.
Wie ist es bei Ihnen, Frau Pfeffermann?
Pfeffermann: Ich fand es bewegend, als es tatsächlich losging. Als die ersten Leute das Impfzentrum betraten. Da wussten wir, wofür wir die Anstrengungen auf uns nehmen. Das war ja irgendwie ein historischer Moment. So eine Impfkampagne hat es noch nie gegeben – und wir waren unmittelbar daran beteiligt. Ein Kollege sagte: Davon werden wir noch unseren Enkeln erzählen.

Zu den Personen

Martina Pfeffermann (48 ) wohnt im Landkreis Kassel. Seit 29 Jahren ist sie bei der Stadt Kassel beschäftigt. Sie ist stellvertretende Leiterin des Gesundheitsamtes Region Kassel. Pfeffermann ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern.

Thomas Schmidt (54) lebt im Landkreis Kassel. Er ist stellvertretender Leiter der Feuerwehr Kassel. Schmidt ist verheiratet und hat ein Kind. (Marie Klement und Robin Lipke)

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