Anlaufstelle an der Uni Kassel unterstützt Studenten aus Nichtakademiker-Familien

Hilfe für Arbeiterkinder

Kassel. „Warum Abitur? Du heiratest doch sowieso.“ Das war die Antwort ihrer Mutter, als sich Cornelia Bethke nach dem Ende ihrer Ausbildung entschied, das Abitur nachzuholen. Anschließend wollte sie studieren und die erste Akademikerin der Familie werden.

Studieren sei nie ein Thema in der Familie gewesen, sagt die 44-Jährige. Erst eine Freundin hatte ihr vom elternunabhängigen Bafög erzählt und sie schließlich überzeugt, erneut die Schulbank zu drücken. Diese finanzielle Unterstützung gibt es nur in Ausnahmefällen, zum Beispiel, wenn man den zweiten Bildungsweg einschlägt.

Cornelia Bethke kennt die Probleme, denen Kinder aus Familien ohne Akademiker ausgesetzt sind. Die inzwischen in der Erwachsenenbildung tätige Erziehungswissenschaftlerin engagiert sich deshalb im Netzwerk „arbeiterkind.de“. Sie ist eine von 3000 Studenten, Berufstätigen und Professoren, die als Mentoren bundesweit Kindern aus Familien ohne Akademiker im Universitätsalltag mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

Die Kasseler Gruppe besteht aus rund 20 Mentoren. Etwa ein Drittel der rund 20.000 Kasseler Studenten kommt aus einem akademischen Elternhaus.

Das Studium an der Universität Kassel sei zwar ihr erklärtes Ziel gewesen, sie habe sich aber manchmal hilflos gefühlt. Kinder von Studierten hätten bereits einen akademischen Sprachstil, bewegten sich sicher und selbstbewusst im Unialltag. Bei den ersten Hausarbeiten fänden sie bei ihren Eltern Hilfe. „Ich aber musste mir alles selber beibringen.“ Das habe sie zur Einzelkämpferin gemacht, sagt die gebürtige Wuppertalerin.

Kaum Anerkennung

Während sie studierte, hätten ihre Geschwister schon längst im Berufsleben Geld verdient. Wie ein Studium eigentlich aussehe und welche Chancen es eröffne, das hätten ihre Eltern nicht gewusst. Anerkennung für gute Leistungen habe es von ihnen daher kaum gegeben. „Gerade deshalb wollte ich ihnen aber zeigen, dass ich das Studium schaffen kann.“ Nachdem sie den Abschluss in der Tasche hatte, hätten ihre Eltern lange zwischen Stolz und Unverständnis geschwankt.

Das Netzwerk arbeiterkind.de versuche zunächst, die Studenten an die bestehenden Beratungs- und Förderangebote zu vermitteln. Klappe das nicht, sei das Engagement der Mentoren gefragt, sagt Tina Maschmann, hauptamtliche Mitarbeiterin im Büro der Gruppe in Kassel. „Es kommt sogar vor, dass wir Abschlussarbeiten gegenlesen.“

Eine Anlaufstelle wie arbeiterkind.de hatte ihr früher gefehlt, sagt Cornelia Bethke. Dass es heute so viele Beratungsangebote gibt, sei ein Grund, warum in Kassel mehr Arbeiterkinder studieren als an den meisten anderen Universitäten.

Die Kasseler Gruppe von arbeiterkind.de trifft sich jeden dritten Mittwoch im Monat um 19.30 Uhr im Limerick, Wilhelmshöher Allee 116. Informationen unter www.arbeiterkind.de

Von Florian Haenes

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