Auch in Regelschulen

Immer mehr Kinder mit psychischen Problemen

Die private Jean-Paul-Schule an der Württemberger Straße auf der Marbachshöhe ist eine Schule unter anderem für Erziehungs- und Lernhilfe-Schüler. Foto: Schachtschneider

Kassel. Aggressionen, Essstörungen, Depressionen, Aufmerksamkeitsdefizite, Störungen im Sozialverhalten, Computersucht: Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden an psychischen Erkrankungen.

Ihre Zahl hat sich nach Angaben des Landeswohlfahrtsverbands (LWV) in der Region Kassel im Zeitraum von 1990 bis 2008 von jährlich 740 auf 2435 Patienten verdreifacht. „Dieser Trend hält an“, sagt LWV-Sprecherin Elke Bockhorst.

Entsprechend groß ist die Zahl der Kinder, die nicht mehr in Regelschulen gehen können und besondere Hilfe benötigen, etwa in Erziehungshilfeschulen. Im Bezirk des Staatlichen Schulamts für die Stadt und den Landkreis Kassel ist die Zahl der Kinder, die auf Erziehungshilfebedarf überprüft wurden, explosionsartig angestiegen.

„Von einem Jahr zum nächsten hatten wir Steigerungsraten von bis zu 300 Prozent“, sagt Thomas Burger, der zuständige Dezernent am Staatlichen Schulamt. Waren es etwa 2003 noch 60 Überprüfungen im sozialen emotionalen Bereich, so stellte das Schulamt ein Jahr darauf bei 180 Kindern einen sonderpädagogischen Förderbedarf fest. „Alle drei Lernhilfeschulen in und um Kassel waren an ihre Grenzen gekommen“, sagt Burger. Es gab entsprechend lange Wartelisten.

Um auf diesen Anstieg psychisch auffälliger Schüler zu reagieren, hat das Staatliche Schulamt 2005 die dezentrale Erziehungshilfe am Standort Mönchebergschule eingerichtet. Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der Prävention. Die Fachleute arbeiten eng mit den Elternhäusern zusammen. Nach und nach sind alle Schulformen bis zum Gymnasium einbezogen worden.

Die Ergebnisse sprechen für sich: „Seit zwei bis drei Jahren hat sich die Zahl der Kinder in Kassel und im Landkreis, denen wir den Besuch einer Erziehungshilfeschule empfehlen, bei jährlich 65 eingependelt. So viele hatten wir früher allein in der Stadt“, sagt Burger: „Das ist ein Riesenerfolg.“

Im Schuljahr 2011/12 hat die dezentrale Erziehungshilfe 645 Kindern mit Hilfsangeboten unter die Arme gegriffen. 94 Prozent von ihnen haben anschließend in den Herkunftsschulen wieder Fuß gefasst.

Den Erfolg der dezentralen Erziehungshilfe kann man auch an der Akzeptanz der Eltern ablesen: Registrierte das Schulamt 2007 noch 35 Fälle, bei denen Eltern Widerspruch dagegen einlegten, dass ihr Kind eine Erziehungshilfeschule besuchen soll, so gab es in den vergangenen zwei Jahren keinen einzigen mehr.

„Trotz dieser Erfolge benötigen wir aber nach wie vor Erziehungshilfeschulen“, sagt Burger. Die dezentrale Hilfe sei lediglich eine Ambulanz, um bei Verhaltensauffälligkeiten früh dagegensteuern zu können. ARTIKEL UNTEN

Von Christina Hein

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