"Entspannung ist keine Glückssache, Entspannung kann man lernen"

Auch Erwachsene dürfen mal Kind sein: Sieben Entspannungstipps für Familien

+
Iris Timocin in ihrem Familienentspannungszentrum im Kasseler Stadtteil Wehlheiden.

Nicht nur Erwachsene leiden unter Stress, auch viele Kinder werden zwischen Schule, Musikgruppe und Sportverein aufgerieben. Hilfe gibt es im Kasseler Familienentspannungszentrum mit ganz überraschenden Tipps.

Das neue Leben von Iris Timocin begann, als sie mit ihrem Sohn nicht mehr weiter wusste. Julian war damals sieben, immer öfter unkonzentriert, in der Grundschule lustlos und beim Fußball bisweilen aggressiv. "Wir mussten ihn aus allen Sportvereinen wieder rausnehmen. Nichts hat geholfen", sagt die 31 Jahre alte Kasselerin heute.

Die gelernte Ergotherapeutin fragte sich, was sie und ihr Mann für ihren Sohn machen können außer einer klassischen Verhaltenstherapie. Sie selbst absolvierte damals einen Kurs in progressiver Muskelentspannung. Durch das bewusste Anspannen bestimmter Muskelgruppen soll man einen Zustand tiefer Entspannung erreichen. Timocin probierte die Übungen mit Julian aus - und es half auch ihm.

Und seine Mutter hat sich selbstständig gemacht, um anderen Eltern zu helfen. Seit April 2016 betreibt die Mutter zweier Kinder in Wehlheiden ein Familienentspannungszentrum. Dort bietet sie Kurse für Erwachsene, Kinder, Schwangere und für ganze Unternehmen an. Auch Mercedes zählt zu ihren Kunden. Selbst Kindergeburtstage werden in den Räumen in der Schönfelder Straße gefeiert. "Entspannung ist keine Glückssache, Entspannung kann man lernen", sagt Timocin - ob bei der progressiven Muskelentspannung oder beim autogenen Training.

Unsere Großeltern hätten wahrscheinlich mit dem Kopf geschüttelt, wenn man ihnen professionelle Hilfe zum Entspannen angeboten hätte. Auch Timocin muss schmunzeln, wenn sie daran denkt. Aber die Zeiten sind mittlerweile andere: "Die meisten stehen unter Zeitdruck, auch Kinder. Nach der Schule müssen sie zur Musikschule und zum Sportverein und am Wochenende zum Fußballspiel. Alle sind nur noch unterwegs und haben verlernt, sich zu langweilen."

Weitere Beiträge rund um unser Monatsthema "Entspann dich!" findet ihr hier.

Timocin ist "keine Esoteriktante, die erzählt, wie bunt die Welt ist". Ihre Übungen stellt sie ganz praktisch vor. Die zehnwöchigen Erwachsenenkurse kosten 110 Euro und werden von der Krankenkasse bezahlt. Eigentlich sind es Präventionskurse, aber viele ihrer Kunden kommen erst, wenn sie "schon kurz vor dem Burnout stehen", hat Timocin festgestellt. Damit Familien nicht unnötig verzweifeln, gibt sie hier sieben praktische Tipps, wie Eltern und Kinder auch in Stresssituationen entspannt bleiben.

1. Durchatmen

Oft hört Timocin von Freundinnen: "Du bist immer so entspannt." Was so leicht aussieht, ist das Ergebnis jahrelanger Übung. Timocin kann innerhalb von zehn Sekunden entspannen. Dabei ist es bei ihr nicht anders als bei anderen Familien: Jeden Morgen ist Stress. In solchen Momenten empfiehlt Timocin, immer wieder tief durchzuatmen und innerlich bis zehn zu zählen. Das klingt banal, hilft aber wirklich, versichert Timocin: „Durch die regelmäßige Anordnung der Zahlenreihe wird selbst der aufgeregteste Mensch irgendwann ruhig.“

2. Seifenblasen machen

Die vielleicht schönste Entspannungsübung für Kinder sind Seifenblasen. "Das Pusten entspannt die Mundmotorik. Am besten stellt man in jedes Zimmer eine Dose", empfiehlt Timocin. Auch wenn die Seifenblasen zerplatzen, lenken sie ab vom Stress. Kindern, die schnell gereizt sind, kann man auch ein Päckchen Knete mitgeben. Das entspannt mehr als jeder Fidget Spinner, der Spielzeugtrend des Jahres.

3. Auch mal ausrasten

Jeder Supermarkteinkauf kann für Eltern zur Hölle werden - nämlich dann, wenn die Kinder an der Kasse mal wieder quengeln, diesen Schokoriegel oder jenes Kaugummi unbedingt haben zu wollen. Es kann dann ziemlich hart sein, nicht weich zu werden. Falls der Nachwuchs sich brüllend auf den Boden wirft, empfiehlt Timocin den Eltern, auch noch mal Kind zu sein und ein bisschen auszurasten: "Wenn man sich daneben legt, wird das Kind mit Sicherheit aufhören." Sie weiß, wovon sie spricht. Auch ihre Kinder haben sich an der Kasse schon mal wie Donald Trump benommen. Der Hinlege-Trick hat jedes Mal geholfen.

4. Stresssituationen nachspielen

Aus fast allen Situationen lernen Kinder fürs Leben. Darum ist es wichtig, bestimmte Momente noch einmal nachzuspielen. "Durch Rollenspiele kann man hinterher gemeinsam eine Lösung finden", sagt Timocin.

5. Rituale finden

Wenn es abends ins Bett gehen soll, sind Kinder Weltmeister im Zeitschinden. Und trotz ewigen Mahnens ist es doch neun statt acht, bis alle im Bett liegen - am nächsten Tag sind die Kleinen dann hundemüde. Um abends nicht regelmäßig so verspätet zu sein wie die Bahn, empfehlen sich Rituale. Man kann etwa ein Buch mit Entspannungsmomenten vorlesen. "Damit kriegt man jedes Kind ins Bett", verspricht Timocin.

6. Frühstück am Abend

So langsam die Zeit am Abend vergeht, so schnell ist sie am nächsten Morgen vorüber. So sehr man sich auch beeilt, irgendwie kommt man immer auf den letzten Drücker an die Bushaltestelle. Damit es nicht immer so eng wird, empfiehlt Timocin, so viel wie möglich schon am Vorabend vorzubereiten. Sie schmiert das Frühstück ihrer Kinder schon kurz nach der 20-Uhr-"Tagesschau". Auch nach einer Nacht im Kühlschrank ist es noch frisch.

7. Smartphone weglegen

Hauptstreitpunkt in vielen Familien ist das Smartphone, das unsere Kinder angeblich einsamer, dümmer und depressiver macht. Auf der anderen Seite erleichtern Alleskönner-Handys den Alltag ungemein. Unsere Welt ist längst digitalisiert. Darum ist es wichtig, den Kindern einen gesunden Umgang mit moderner Technik beizubringen. Dazu gehören auch smartphonefreie Zeiten. "Beim Essen ein Handy, das geht gar nicht", sagt Timocin. Das gilt auch für Mama und Papa, denn: "Kinder lernen am meisten von ihren Vorbildern."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.