Was vor 75 Jahren geschah

Hinrichtungen am Ostersamstag: Erinnerungen an das Kriegsende in Kassel

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Nach dem Einmarsch der Amerikaner: Die erschossenen Zwangsarbeiter wurden exhumiert. Viele von ihnen konnten identifiziert werden. Ihre Namen findet man auf einer Gedenktafel in Bad Wilhelmshöhe. 

Vor 75 Jahren wurden wenige Tage vor dem Kriegsende auf dem Gelände des Bahnhofs Wilhelmshöhe 79 Zwangsarbeiter erschossen. Fast alle stammten aus Italien.

Heute kann man ihre Namen auf einer Gedenktafel an der Wilhelm-Schmidt-Straße in Bad Wilhelmshöhe nachlesen. Sie hießen Antonio, Gino, Francesco, Guiseppe oder Giovanni. Geboren sind sie in Padua, Mailand, Brescia und Bologna. Sie sind alle viel zu früh gestorben. Und zwar vor genau 75 Jahren in Kassel.

Vieles, was damals geschah, konnte später durch Zeugenaussagen rekonstruiert werden. An diesem Samstag hatten die Zwangsarbeiter noch nicht mal ihre auch sonst kargen Essenrationen bekommen. Sie hatten Hunger. Daran sind sie allerdings nicht gestorben. „Head-shot“ (Kopfschuss) steht in den Protokollen der amerikanischen Militärbehörden als häufigste Todesursache. Die Italiener wurden hingerichtet und in Bombenkratern im Umfeld des Bahnhofs Wilhelmshöhe verscharrt. 79 Leichen, darunter ein nicht identifizierter Russe – alle anderen waren italienische Zwangsarbeiter.

Was hatten die Zwangsarbeiter gemacht? Erst Jahre später, als sich die Mitglieder des Erschießungskommandos vor Gericht verantworten mussten, wurden Aussagen protokolliert. Demnach gehörten die Männer zu einem Bautrupp, der Schäden an den Gleisen der Naumburger Eisenbahn ausbessern sollte. Der 31. März 1945 war der Ostersamstag. Wenige Tage später sollte der Krieg in Kassel beendet sein. Amerikanische Truppen standen schon vor den Toren der Stadt.

Die deutschen Bewacher der Zwangsarbeiter hatten sich bereits abgesetzt, die Männer des Bautrupps warteten an diesem Tag vergeblich auf ihre Essensration. Auf einem Nebengleis stand ein verlassener Güterzug mit Lebensmitteln. Der war bereits von ebenfalls hungrigen Deutschen aufgebrochen worden. Die Zeugenaussage eines überlebenden Italieners: „Sie sagten, wir sollten uns doch auch etwas nehmen, der Krieg sei ja zu Ende, und der Amerikaner werde in zwei Stunden erwartet.“

Am Bahnhof Wilhelmshöhe: Die Amerikaner sorgten dafür, dass Deutsche die Leichen ausgruben.

Kurze Zeit später kamen aber nicht die Amerikaner, sondern ein Kommando, das der Leiter der Gestapo-Stelle Kassel, Franz Marmon, zum Bahnhof Wilhelmshöhe befohlen hatte. Ein Denunziant hatte bei der Gestapo angerufen und den Vorfall gemeldet. Als das Kommando vom Gestapo-Sitz am Panoramaweg auf dem Bahnhofsgelände ankam, hatten Ordnungs- und Luftschutzpolizei das Gebiet bereits abgesperrt. Die Zwangsarbeiter und ihr Gepäck wurden nach Lebensmitteln untersucht. Ob die aus dem geplünderten Waggon stammten, sollte ein Dolmetscher klären. Der konnte, so die späteren Zeugenaussagen, kaum italienisch. Es ist wahrscheinlich, dass es zu Missverständnissen gekommen ist. Unter den Männern des Kommandos regten sich Zweifel. Man könne den Italienern doch einen Tritt verpassen und sie laufen lassen. Dafür wollte der Führer des Kommandos die Verantwortung nicht übernehmen. Er ging zurück zum Panoramaweg und holte sich seine Instruktionen bei Franz Marmon. Hilflos warteten die festgehaltenen Zwangsarbeiter.

Als der Kommandoführer zurückkam, war er nach Zeugenberichten sehr erregt. Er habe Befehl, die Zwangsarbeiter zu erschießen. In kleinen Gruppen wurden die Gefangenen zu Bombentrichtern in der Nähe des Bahnhofs geführt. Die Männer des Kommandos richteten 79 Gefangene hin. Ein unbekannter weiterer Zwangsarbeiter war bereits im Vorfeld ebenfalls wegen angeblicher Plünderungen erschossen worden. Die überlebenden Bauarbeiter mussten ihre Kameraden zuschaufeln.

Fünf Wochen später ordneten die Amerikaner die Exhumierung der Leichen an. Deutsche Kriegsgefangene mussten die Leichen ausgraben. Zum Teil konnten sie identifiziert werden.

Gestapo-Chef Franz Marmon hatte zuvor bereits zwölf Gefangene in Wehlheiden und 28 Häftlinge in Breitenau (Guxhagen) hinrichten lassen. Er setzte sich in den Harz ab. Marmon wurde später zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt. Da die Untersuchungshaft angerechnet wurde, musste er den Rest nicht antreten.

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