Elan hat einen Dämpfer bekommen

Hirn-OP als 17-Jährige: Kasselerin Leo darf nicht zur Förderschule

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Leo Regenbogen (23) hat in der Abendschule den Hauptschulabschluss nachgeholt, der Realschulabschluss soll folgen. 

Kassel. Die Hirn-Operation, der sich Leonie Regenbogen mit 17 Jahren unterzog, war risikoreich. Aber die Kasselerin und ihre Familie setzten alles auf diese Karte. Und Leos Leben veränderte sich danach radikal positiv. Es glich einem Wunder.

Leonie, die Wert darauf legt, dass man sie Leo nennt, ist heute eine selbstbewusste 23-Jährige voller Lebensenergie. „Ich kann wieder laufen“, sagt sie und strahlt „ich kann Tischtennis spielen, tanzen, alleine mit dem Zug fahren.“

Leo erkrankte als Siebenjährige an einer Auto-Immun-Krankheit, die ihre linke Gehirnhälfte zerstörte. Eine peinvolle Nebenerscheinung waren permanente epileptische Anfälle, mehrere in der Minute. Leo konnte sich nur im Rollstuhl fortbewegen. Sie war ohne Unterlass damit beschäftigt, die Dauerkrämpfe, die ihren Körper erschütterten, zu überstehen. „Meine Tochter war 24 Stunden am Tag ein Pflegefall“, sagt ihre Mutter Gabriela Regenbogen. Zwar besuchte Leo eine Förderschule, verließ sie aber ohne Abschluss. Lernen war für sie trotz einer Assistentin unmöglich.

Dann kam die OP und verbannte die Epilepsie aus Leos Leben. Leo startet durch: „Ich wollte endlich auf eigenen Füßen stehen, wollte lernen.“ Nach einer berufsbildenden Maßnahme kam das Urteil: Die junge Frau sei zu langsam für den Arbeitsmarkt. Eine halbseitige Lähmung wird Leo trotz zunehmender Regenerierung zurückbehalten. Sie bekam keine Ausbildungsempfehlung, solle in einer Behindertenwerkstatt arbeiten.

„Leo war kurz nach der OP noch nicht so fit wie heute“, sagt ihre Mutter. Es hätten sich neue Verknüpfungen im Gehirn gebildet, die nach und nach zum Tragen kommen.

Leo bekommt einen Arbeitsplatz in der Kasseler Werkstatt, wo sie in der Verpackungsabteilung eingesetzt ist. Sie fühlt sich unterfordert und beschließt, in der Abendschule ihren Hauptschulabschluss nachzuholen. Die Werkstatt und der Landeswohlfahrtsverband unterstützten sie dabei, neben der Arbeit für die Schule zu lernen. Nach einem Arbeitstag sei Leo nicht selten um 23 Uhr aus der Schule gekommen. „Das war anstrengend“, sagt Leo. Später möchte sie in einem Büro arbeiten und ihren Lebensunterhalt verdienen.

Heute zeigt Leo, die zum Gehen eine leichte Gehilfe benötigt, stolz ihr Zeugnis mit Hauptschulabschluss. Aber Leo will mehr. Mehr lernen. Ihr Vorhaben ist es, den Realschulabschluss zu machen. Doch es scheint, als sei Leo jetzt mit ihrem Elan in einer Sackgasse gelandet. Den Realschulabschluss ebenfalls in der Abendschule zu machen, traut sie sich nicht zu. „Das würde meine Kräfte übersteigen.“ Sie benötige die Hilfe einer Assistenz oder einer Förderschule, die auf Beeinträchtigungen eingestellt ist. Leonies Wunsch ist es, noch einmal eine Förderschule zu besuchen.

Doch das ist rechtlich nicht möglich. Indem Leo die Schule verlassen hat und schon über 21 Jahre alt ist, habe sie keinen Rechtsanspruch mehr auf eine Beschulung, lautet die offizielle Auskunft.

Damit möchte sich Leo nicht zufriedengeben: „Früher wollte ich und konnte nicht, jetzt kann ich und darf nicht. Das ist nicht fair.“ Aber einen Plan B hat sie noch nicht.

Das sagt das Schulamt: Kein Anspruch

„Die junge Frau kommt von außen, nachdem sie die Schule bereits verlassen hat, und will noch einmal in die Schule zurück: Da hat sie keine Chance und keinen rechtlichen Anspruch“, sagt die Leiterin des staatlichen Schulamts, Helga Dietrich. Es sei möglich, dass Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf, länger zur Schule gehen. Die Schulpflicht könne nach Antrag um bis zu drei Jahre verlängert werden. In Ausnahmen bis zu einem Alter von 21 Jahren. Thomas Burger vom Schulamt empfiehlt Leonie die Flex-Fernschule der Christopherus-Schule. 

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