Kasseler Regierungspräsidium im Zweiten Weltkrieg

Historikerin entlarvt Schreibtischtäter während des Zweiten Weltkriegs

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Stolz auf und dankbar für drei Jahre Forschungsarbeit: Dr. Nadine Freund stellt im Renthof ihr Buch „Teil der Gewalt – Das Regierungspräsidium Kassel und der Nationalsozialismus“ vor. 

Kassel. Welche Rolle spielte das Regierungspräsidium während des Nationalsozialismus? War die Behörde an der Massenvernichtung von Juden beteiligt? Die Kasseler Historikerin Nadine Freund liefert Antworten.

Lange klaffte eine Lücke in der Bildergalerie der Regierungspräsidenten im Regierungspräsidium (RP) Kassel. Die beiden Leerstellen zwischen 1933 und 1945 – 2012 von dem Kasseler Kunststudenten Damian Crow mit verfremdeten Porträts gefüllt – standen lange sinnbildlich dafür, dass über die Geschichte der Behörde während des Zweiten Weltkrieges beinahe nichts bekannt war.

Die Frage nach einer möglichen Verwicklung der Behörde in die organisierte Massenvernichtung der Juden blieb lange unbeantwortet – bis heute.

Das Buch

Die Kasseler Historikerin Dr. Nadine Freund hat im Auftrag des Regierungspräsidiums eine Monografie vorgelegt, die diese Lücke schließt. „Teil der Gewalt – Das Regierungspräsidium Kassel und der Nationalsozialismus“ räumt mit dem Mythos der sauberen Verwaltung auf und entlarvt die Schreibtischtäter von damals. Das Buch erscheint in der Schriftenreihe der Historischen Kommission für Hessen. Herausgeber ist das RP.

Die Ergebnisse

Freund kommt in ihrer Studie zu dem Ergebnis, dass das RP Kassel sehr eng, freiwillig und häufig aus Eigennutz mit der NSDAP zusammengearbeitet hat. Diese Zusammenarbeit sei nicht nur aus „vorauseilendem Gehorsam geschehen, sondern auch aus eigener Motivation einzelner Beamter“, erklärte Freund.

Die Historikerin belegt in ihrer Studie, dass Mitarbeiter der Gauleitung zusätzlich Posten im RP übernahmen und umgekehrt, wodurch die Hierarchieebenen der staatlichen Verwaltung stark ins Wanken gerieten.

Freunds Arbeit zeigt, dass einflussreiche Beamte des RPs in den nationalsozialistischen Jahren gemeinsam mit der Gauleitung aktiv an judenfeindlichen Gesetzen und Verordnungen wie der Entrechtung von Juden feilten.

„Persönlich erschreckend“, habe Freund es gefunden, „wie schnell sich die Beamten im RP offenbar daran gewöhnten, dass die SA und die SS sowie die Gestapo vor roher Gewalt gegen Andersdenkende und gegen Minderheiten nicht zurückschreckten.“ Die Nationalsozialisten seien erst wenige Wochen an der Macht gewesen, als vonseiten der Beamten im RP bereits Gewaltakte vor allem gegen linke Oppositionelle geleugnet, bagatellisiert oder sogar entschuldigt wurden.

Fazit der Autorin: „Ich kann bestätigen, dass die Bereitschaft des RPs, die Ausübung von Gewalt bei der Verfolgung, Inhaftierung und Enteignung politischer Gegner und Andersdenkender zu akzeptieren und eng mit der Gestapo zusammenzuarbeiten, einen wesentlichen Beitrag zur Machtsicherung der Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1935 darstellte.“

Die Quellen

Freund begab sich für ihr Buch auf eine dreijährige Spurensuche quer durch die Archive der Korrespondenzpartner des RPs, da in Kassel selbst viele Aufzeichnungen verloren gegangen waren.

Ihre Hauptquellen waren die Akten der Landratsämter im Staatsarchiv Marburg, des Innenministeriums im Bundesarchiv Berlin, der Spruchkammerbehörde im Staatsarchiv Wiesbaden, der Bestand des Gauamtes für Kommunalpolitik Kurhessen sowie der Nachlass von Fritz Hoch in Bonn.

Der Zeitpunkt

Man wolle „nicht die Festtagsstimmung versauen“, sagte Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke (CDU) bei der Buchvorstellung im Renthof – das RP feiert heute 150. Geburtstag. Aber gerade jetzt sei es wichtig – auch angesichts der Bundestagswahl – diesen Teil der Geschichte aufzuarbeiten.

Auch der Vorsitzende der Historischen Kommission für Hessen, Professor Andreas Hedwig aus Marburg, betonte, dass es um die Verantwortlichkeit derer gehe, die an den Schreibtischen sitzen – auch heute.

Das Buch ist in den Kasseler Buchläden zu haben. Die ISBN lautet 978-3-942225-37-3.

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