Legendärer Veranstaltungsort weicht für Neubau

Historischer Ballsaal neben Hotel Reiss wird zu Staub: Abriss bis Weihnachten

Kampf gegen die Staubwolken: Die Abrissfirma versucht, die durch den Abriss des Ballsaals verursachte Staubentwicklung mit Wasserschläuchen zu reduzieren.
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Kampf gegen die Staubwolken: Die Abrissfirma versucht, die durch den Abriss des Ballsaals verursachte Staubentwicklung mit Wasserschläuchen zu reduzieren.

Es sieht so aus, als würde sich eine gigantische Giraffe durch ein Haus fressen. Doch die Giraffe ist ein 25 Meter hoher Abrissbagger, und das Haus ist nichts weniger als der historische Ballsaal neben dem Hotel Reiss an der Kasseler Werner-Hilpert-Straße.

Kassel - Bis Weihnachten will das Abrissunternehmen die 120 Jahre alte Veranstaltungsstätte dem Erdboden gleichgemacht haben. An der Stelle plant der Eigentümer des Hotels, ein Appartementhaus zu errichten.

Noch liegt eine ganze Menge Arbeit vor den Mitarbeitern der Firma A&S Betondemontage aus Lehrte. Denn es sind gewaltige Schuttmengen, die bewegt werden müssen. „Wenn die Bagger fertig sind, haben wir 3500 bis 4000 Tonnen Bauschutt“, sagt Bauführer Frank Stoll. Entsprechend groß ist die Staubentwicklung, die man mit Wasserschläuchen versucht, im Zaum zu halten. Wegen des Staubs muss der Bauführer den Anwohnern mit Auto regelmäßig den Waschanlagenbesuch bezahlen. Dies sei bei solchen Projekten aber üblich. Für die Abfuhr des Materials, die für Anfang 2021 geplant sei, seien ungefähr 160 Lkw-Ladungen nötig. In der vergangenen Woche hat sich die Abrissfirma der Deckenkonstruktion gewidmet. Fünf jeweils vier Tonnen schwere Dachbinder mussten in sechs Meter Höhe herausgeschnitten werden. Dafür war ein Kran nötig.

Relikt: eine freigelegte historische Säule.

Dabei kamen auch historische Schmucksäulen des alten Ballsaals zum Vorschein, die aber nicht erhalten bleiben. Weil sowohl das Hotel Reiss wie auch ein weiteres benachbartes Gebäude unmittelbar an den Ballsaal angebaut wurden, muss in den Übergangsbereichen besonders vorsichtig vorgegangen werden, um diese Häuser nicht zu beschädigen. Mit erstaunlicher Präzision schneidet der Baggerführer Stahlträger aus dem Bauwerk und bricht den Backstein Stück für Stück aus dem Mauerwerk.

Die Zange des Baggers könne 25 Zentimeter dicke Eisenträger schneiden und bis zu 80 Zentimeter dicke Stahlbetondecken brechen, erzählt Bauführer Stoll. Sobald alle Wände abgebrochen sind, geht es an den Keller und das Fundament.

Der Ballsaal am Hotel Reiss war 1900 an das bereits 1886 erbaute Hotel Kaiserhof in der Nähe des Hauptbahnhofs angebaut worden. Während das Hotel im Krieg stark beschädigt und 1952 durch das Hotel Reiss ersetzt wurde, blieb der Ballsaal erhalten und feierte in der Nachkriegszeit mit legendären Filmpremieren und Feiern eine Renaissance.

2017 hatte dann der Eigentümer des Hotels Reiss, Moshe Sand, angekündigt, den Saal abreißen zu wollen. Mehrfach war der Abriss verschoben worden.

Wann der Bau des Appartementhauses startet, weiß Architekt Werner Ott noch nicht. Derzeit erstelle die Stadt einen Bebauungsplan. Erst wenn dieser rechtskräftig sei, könne die Baugenehmigung beantragt werden. (Bastian Ludwig)

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