Nach Hitlergruß an Uni Kassel

Künstler Jonathan Meese Donnerstag vor Gericht

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Typische Handbewegung: Immer wieder provoziert der Berliner Künstler Jonathan Meese mit dem Faschistengruß – hier vor kurzem während einer Performance im Nationaltheater Mannheim.

Kassel. Der Berliner Künstler Jonathan Meese muss sich am Donnerstag, 18. Juli, vor dem Kasseler Amtsgericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft klagt den 43-Jährigen an, weil er während einer öffentlichen Podiumsveranstaltung an der Uni Kassel den Hitlergruß gezeigt hatte.

Darin sehen die Ermittler ein strafwürdiges "Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen".

Mit solchen Provokationen erregt Meese immer wieder Aufmerksamkeit. Zu Nazisymbolen oder -parolen greifen regelmäßig auch andere Kunstschaffende, um sich ins Gespräch zu bringen. Nur vereinzelt zieht dies Konflikte mit Polizei und Justiz nach sich, häufiger sind beruflich-persönliche Auswirkungen für die Provokateure. Einige aktuelle und jüngere Beispiele:

In die Wohnung des Berliner Kunststudenten Hagen Vogel drang vor kurzem ein Spezialeinsatzkommando der Polizei ein und beschlagnahmte ein großformatiges, von Hakenkreuzfahnen flankiertes Hitler-Porträt, an dem der 24-Jährige seit Jahren malt. Weil das Werk von außen durchs Fenster zu sehen war, hatten Nachbarn die Polizei gerufen.

Die Beamten zogen das SEK hinzu, weil sie im Internet auf ein Foto gestoßen waren, auf dem der Student mit einer automatischen Waffe posierte. Mit martialischen Äußerungen und Gewaltfantasien im Internet hatte Vogel auch Unmut in seinem Kunst-Klassenverband erregt, aus dem er inzwischen ausgeschlossen wurde. Ein Gericht muss nun klären, ob die Beschlagnahme rechtmäßig war, da Vogel das Bild in seinen privaten vier Wänden gemalt und nicht öffentlich gezeigt hatte.

SS-Schergen, Gaskammern, Erschießungs- und Vergewaltigungsszenen auf der Bühne: Eine Inszenierung von Wagners „Tannhäuser“ an der Düsseldorfer Rheinoper geriet im Mai zum Premieren-Fiasko. Von den drastischen Szenen waren einige Zuschauer so geschockt, dass sie wegen Kreislaufzusammenbrüchen und anderer Gesundheitsbeschwerden ärztlich behandelt werden mussten. Die Inszenierung wurde umgehend abgesetzt, die Oper seither nur noch konzertant aufgeführt.

Der dänische Regisseur Lars von Trier darf seit 2011 nicht mehr am renommierten Filmfestival von Cannes teilnehmen; er wurde dort zur „unerwünschten Person“ erklärt. Auf einer Pressekonferenz des Festivals hatte von Trier mit Verweis auf seine deutschen Wurzeln erklärt: „Ich bin ein Nazi.“ Er „verstehe Hitler“ und könne sich in dessen Ende im Bunker hineinversetzen.

In Polen, wo die Nazis Millionen Menschen ermordeten, löste das provokative Kunstwerk „NaziSexyMouse“ des Italieners Max Papeschi 2010 einen Sturm der Empörung aus. Das Bild an einer Innenstadt-Hausfassade in Posen zeigte eine nackte Frau mit einem Micky-Maus-Kopf vor dem Hintergrund eines riesigen Hakenkreuzes. Nach Anzeigen von Stadtpolitikern lehnte es die Staatsanwaltschaft jedoch mit Verweis auf die Kunstfreiheit ab, gegen das Plakat vorzugehen. Es wurde von Unbekannten immer wieder beschädigt.

Der Faschistengruß, mit dem Jonathan Meese immer wieder provoziert, war für den bedeutenden deutschen Maler und mehrfachen documenta-Teilnehmer Anselm Kiefer Motiv für eine Serie von acht Selbstporträts, auf denen Kiefer an verschiedenen Orten Europas den rechten Arm ausstreckt. Erstmals war der Bilderzyklus 2008 in einer Ausstellung zu sehen - zu ihrer Entstehungszeit 1970 hatte niemand gewagt, sie öffentlich zu zeigen.

Kiefers Form der Vergangenheitsbewältigung war damals auf Ablehnung und Unverständnis gestoßen. Bei der Berliner Ausstellung 38 Jahre später blieb die große Aufregung indessen aus.

Von Axel Schwarz

Der Prozess gegen Meese beginnt am Donnerstag um 12.45 Uhr im Saal D 105 des Amtsgerichts Kassel. Radio HNA berichtet von der Verhandlung live ab 12.30 Uhr.

Fotos von der Verhandlung

Künstler Jonathan Meese vor Gericht

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