Hohe Temperaturen sind für viele Hürde

Hitze macht einsam: Warum die Telefonseelsorge auch jetzt viel zu tun hat

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Einsamkeit kennt kein Alter: Viele alte Menschen, aber auch Studenten wenden sich an die Telefonseelsorge. Die Beratung der Telefonseelsorge kann hier eine kurzzeitige Lösung sein.

Kassel. Eigentlich gelten die Herbst- und Wintermonate als die Zeit, in der es verstärkt zu depressiven Verstimmungen kommt und Menschen sich einsam fühlen. Die Telefonseelsorge hat aber im Hochsommer mindestens genauso viel zu tun.

Warum rufen im Sommer viele Menschen bei der Telefonseelsorge an?

Salome Möhrer-Nolte: Viele Menschen in unserer Region leben sozial sehr isoliert und sind einsam, manche Menschen fühlen sich auch einsam, obwohl sie soziale Verbindungen haben. An heißen Tagen kommt dazu, dass Menschen, die sowieso schon wenige soziale Kontakte haben, bei der Hitze ihre Wohnung nicht mehr verlassen können und sich noch isolierter fühlen. Sie spüren dann ihre Einsamkeit noch stärker. Es liegt auch daran, dass sich im Sommer einfach vieles draußen abspielt. Man nimmt also viel stärker wahr, dass andere mitten im Leben stehen, sich verabreden und tolle Dinge erleben – und man selbst eben nicht.

Wer sucht dann Hilfe bei der Telefonseelsorge?

Möhrer-Nolte: Alle Altersgruppen. Über Einsamkeit klagen vor allem sehr junge Menschen und viele alte Menschen. Zunehmend sind es auch Studierende, die anrufen, weil sie die Anonymität der Beratung am Telefon schätzen.

Informieren sich die Jüngeren nicht im Internet?

Möhrer-Nolte: Beim Thema Einsamkeit ist es so, dass die Betroffenen ein Gegenüber suchen – unabhängig von der Altersgruppe. Viele möchten einfach nur eine Stimme hören, die bekommen sie dann am anderen Ende des Hörers. Natürlich wenden sich viele junge Menschen auch über das Internet an uns. Wir bieten Seelsorge auch per E-Mail oder im Chatformat an, aber die meisten sind eben auf der Suche nach dem persönlichen Kontakt.

Salome Möhrer-Nolte ist Geschäftsführerin der Telefonseelsorge.

Wie kann die Telefonseelsorge hier konkret weiterhelfen?

Möhrer-Nolte: Auf unterschiedlichen Wegen: Am hilfreichsten ist, dass ein menschliches Gegenüber da und zumindest gefühlt eben sehr nah beim Anrufenden ist. Jemand, der zuhört und sich für die Person interessiert. Gemeinsam kann man dann schauen, was man tun kann, welche kleinen Schritte helfen können, aus der Isolation herauszukommen und den oft sehr klein gewordenen Bekanntenkreis wieder etwas zu erweitern. Manchmal helfen schon kleine Anregungen, wie den Anrufer zu motivieren, auch bei hohen Temperaturen vielleicht abends noch mal eine kleine Runde rauszugehen.

Das klingt nicht schwer, aber für die Betroffenen ist es das?

Möhrer-Nolte: Viele, die bei uns anrufen, leben in einer sehr isolierten Situation, teilweise weil sie chronisch krank sind oder auch psychisch. Beim Nachbarn zu klingen und zu fragen, ob man mal einen Kaffee trinkt, ist eine hohe Hürde. Da ist es einfacher, bei uns anzurufen. Unsere Haupthilfe ist es, den Betroffenen Mut zu machen, einen kleinen aktiven Schritt zu gehen, vielleicht wieder an einen bereits bestehenden Kontakt anzuknüpfen.

Vermitteln Sie dann auch darüber hinaus weitere Hilfen?

Möhrer-Nolte: Wir sagen Anrufenden, an wen sie sich wenden können oder raten einfach auch erst einmal dazu, sich mit depressiven Stimmungen an den Hausarzt zu wenden – also etwas Naheliegendes zu tun, was viele in so einer Situation aus den Augen verloren haben. Menschen, die sich einsam und deprimiert fühlen, können alleine nicht aus einer verzweifelten, isolierten Situation heraus. Wir hatten mal eine Anruferin, die einfach nur wollte, dass ihr jemand ,Gute Nacht‘ sagt, weil sie so alleine war.

Fallen Ihnen noch andere klassische Beispiele ein?

Möhrer-Nolte: Da ist die Frau, 45 Jahre alt, die sich nach einer Trennung von ihrem Freund alleine und einsam fühlt. Sie hat sich nach der Trennung zurückgezogen, sitzt zuhause und grübelt viel. Der Anruf bei der Telefonseelsorge hat ihr geholfen, eine Freundin anzurufen und sich mit ihr zu verabreden.

Da ist eine Anruferin, sie studiert und ist im Stress wegen anstehender Klausuren. Sie spricht auch darüber, dass sie sich oft kraftlos fühlt und Suizidgedanken hat. Es hilft ihr, das alles einfach einmal aussprechen zu können.

Ein Mann (65) hat schon mehrmals bei uns angerufen. Er ist seit vielen Jahren depressiv. Diesmal ruft er an, weil er sich bei der Hitze noch antriebsloser fühlt als sonst. Er braucht Ermutigung, wie es ihm gelingen kann, aus dem Bett aufzustehen und sich ein Frühstück zu machen.

Erlauben es die Kapazitäten der Telefonseelsorge, dass Menschen mehrfach anrufen?

Möhrer-Nolte: Wir sind gut ausgelastet. Es gibt Zeiten, wo man es öfter probieren muss, um durchzukommen. Wir arbeiten im Verbund mit vier anderen Stellen zusammen: Main-Kinzig, Fulda, Gießen und Marburg. Wenn also bei uns belegt ist, dann wird weitergeleitet an die nächste freie Stelle.

Haben Sie einen Ratschlag, um depressiven Verstimmungen entgegenzuwirken?

Möhrer-Nolte: Natürlich hilft es, sich in Zusammenhänge zu begeben, in denen man Menschen begegnen kann. Der Psychiater Manfred Spitzer hat in seinem Buch: „Einsamkeit, die unerkannte Krankheit“ geschrieben, dass es für Menschen, die sich einsam fühlen, auch hilfreich sein kann, in die Natur zu gehen. Sie fühlen sich glücklicher. Bei der Telefonseelsorge anrufen kann in Problemsituation weiterhelfen – zumindest für den Moment.

Salome Möhrer-Nolte (50) lebt in Kassel. Seit 2013 arbeitet sie bei der Telefonseelsorge Nordhessen. Vorher war Möhrer-Nolte im Bereich der Drogenhilfe tätig, seit 2017 als Geschäftsführerin. Gebürtig kommt die 50-Jährige, die zum Studium nach Kassel gekommen ist, aus Süddeutschland. Möhrer-Nolte ist verheiratet und hat drei Kinder.

Telefonseelsorge: Ein Telefonat dauert durchschnittlich 20 Minuten

Durchschnittlich dauert ein Telefonat bei der Telefonseelsorge 20 Minuten. Bei Menschen, die regelmäßig anrufen, reichen manchmal schon fünf Minuten, um kurz über das, was jetzt gerade ist oder den Tag, der vor einem liegt zu reden. Insgesamt arbeiten 70 ehrenamtliche Mitarbeiter bei der Telefonseelsorge Nordhessen. Sie werden ein Jahr lang ausgebildet und supervisorisch begleitet werden. Das Sorgentelefon ist unter 0800/1110111 zu erreichen. Wer die Telefonseelsorge über Mail und Chat erreichen möchte, findet den Kontakt unter www.telefonseelsorge.de

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