HNA-Interview

Pädophile und ihre Opfer: „Kinder werden über langen Zeitraum gequält“

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Kassel. Ein Kasseler ist dringend verdächtigt der führende Kopf in der internationalen Kinderpornografie-Szene zu sein. Wir sprachen mit Experten über pädophile Neigungen.

Die Psychotherapeutin Ulrike Schriever, Diplom-Psychologin, psychologische Psychotherapeutin, und Detlef Schulze, Diplom-Sozialpädagoge, Heilpraktiker für Psychotherapie, behandeln seit vielen Jahren Sexualstraftäter. Mit den beiden Therapeuten aus Kassel sprachen wir über Pädophile und ihre Opfer.

Der Begriff Pädophilie bezeichnet die Neigung Erwachsener, sich sexuell zu kleinen Kindern und auch zu Kindern in der Pubertät hingezogen zu fühlen. Wie viele Menschen sind davon betroffen? 

Detlef Schulze: Die Schätzungen schwanken - zwischen einem und zehn Prozent der männlichen Bevölkerung seien pädophil. Die Wahrheit wird irgendwo dazwischenliegen. Davon sind alle Gesellschaftsschichten betroffen. Über pädophile Frauen gibt es keine Studien, dieser Bereich ist ganz schlecht erforscht.

Ulrike Schriever: Über Frauen ist aber auch bekannt, dass sie die pornografischen Bilder ihrer Kinder ins Internet stellen. Kinderpornografie ist ja auch ein Geschäft.

Ist Pädophilie eine Krankheit, die geheilt werden kann? 

Schriever: Pädophilie wird als Störung der Sexualpräferenzen bezeichnet, de facto wird sie wie eine Krankheit behandelt.

Ulrike Schriever

Schulze: Eine Heilung ist nicht möglich. Durch eine Therapie können die Betroffenen allerdings lernen, ihre Impulskontrolle einzusetzen. Man unterscheidet übrigens drei Gruppen von Pädophilen. Bei der ersten Gruppe handelt es sich um Männer, die in einer Paarbeziehung und Familie leben. Sie neigen selten, in Krisensituationen, dazu, sich mit Kinderpornografie anzuregen. In der zweiten Gruppe tritt dieses Verhalten verstärkt auf. Die dritte Gruppe ist geradezu fixiert auf die Nutzung von Kinderpornografie. Manche setzen das, was sie auf den Bildern sehen, dann auch praktisch um, indem sie Kinder missbrauchen.

Ist Pädophilie angeboren? 

Schriever: Diese Frage kann man nicht eindeutig beantworten. Fest steht, dass sich vor Beginn der Pubertät eine pädophile Neigung entwickeln kann.

Sind alle Männer, die Kinder missbrauchen, pädophil? 

Schulze: Nein, nicht alle Täter sind pädophil. Es kommt auch vor, dass Männer, die üblicherweise erwachsene Partner oder Partnerinnen haben, plötzlich Mädchen oder Jungen missbrauchen, wenn sie die Gelegenheit sehen. Auf einmal ist die Freundin oder ein Freund der zwölfjährigen Tochter so süß.

Man hört immer wieder die Argumentation, dass es doch gar nicht so schlimm wäre, sich im Internet Bilder anzuschauen. Diese seien doch ohnehin vorhanden. 

Schriever: Das hören wir oft. Auch, dass die Kinder auf den Bildern doch so glücklich aussehen. Dabei wird vergessen, dass die Herstellung von Kinderpornografie für die Opfer in der Regel ein unendliches Drama bedeutet. Die Kinder werden dafür oft betäubt, unter Drogen und Medikamente gesetzt.

Schulze: Die fotografierten Kinder werden über einen langen Zeitraum psychisch und physisch gequält. Es gibt Bilder, die sadistische Züge haben, zum Beispiel wenn Säuglinge penetriert werden. Viele Opfer leben immer mit der Angst, auf den Bildern erkannt zu werden.

Pädophile sind um Ausreden offenbar nicht verlegen? 

Schulze: Das stimmt. Viele argumentieren damit, dass sie Kinder ja sehr mögen und ihnen Gutes tun, indem sie ihnen den eigenen Körper und ihre Sexualität erklären. Das ist eine starke kognitive Verzerrung der Wirklichkeit. Die Täter reden sich etwas ein.

Schriever: Manche Täter geben auch vor, sich in die Kinder verliebt zu haben. Das ist genauso, wenn Menschen behaupten, dass sie fremdgegangen sind, weil sie sich verliebt haben. In Wirklichkeit wollten sie aber

Detlef Schulze

einfach nur ihre sexuellen Bedürfnisse befriedigen.

Das Thema Pädophile hat durch die Affäre Sebastian Edathy große Öffentlichkeit erfahren. Das Verhalten von Edathy, jetzt massiv Parteifreunde zu beschuldigen, ihn über die Ermittlungen informiert zu haben, erinnert auch an Verdrängung. 

Schulze: Das ist eine typische Täterstrategie bei Pädophilen, von sich abzulenken, zu verwischen, andere zu beschuldigen, sich selbst zum Opfer zu machen.

Wie suchen Pädophile Hilfe? 

Schriever: Für Männer, die noch nicht straffällig geworden sind, ist das gar nicht so einfach. Allerdings gibt es mittlerweile bundesweit das Projekt „Kein Täter werden“ für Menschen, die sich helfen lassen wollen. Der erste Schritt ist, darüber zu reden. Manchmal erwischen die Partnerinnen die Männer mit Kinderpornografie auf dem Rechner. Dann müssen sie sich dem Thema stellen. Wichtig ist, dass die Betroffenen Hilfestellungen bekommen und nicht als Abschaum behandelt werden, auch wenn ihre Taten verabscheuungswürdig sind.

Zur Person

Ulrike Schriever (60) ist Diplom-Psychologin und psychologische Psychotherapeutin. Sie hat in Tübingen studiert. Detlef Schulze (66) ist Heilpraktiker für Psychotherapie und Diplom-Sozialpädagoge. Er hat in Kassel studiert, bis zum Jahr 2013 arbeitete er beim Diakonischen Werk. Schriever und Schulze therapieren seit vielen Jahren Sexualstraftäter. Sie haben eine Gemeinschaftspraxis in Kassel.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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