Beobachtungen von der Empore

Schein und Wahrheit: Horst Seidenfaden über das Kasseler Stadtparlament

Gudrun Spahn-Skrotzki war Zuschauerin der jüngsten von Tumulten begleiteten Sitzung der Stadtverordneten. Sie beobachtete von der Empore, wie sich Stadtverordnete während der Sitzung verhielten. Ein Standpunkt von HNA-Chefredakteuer Horst Seidenfaden über das Kasseler Stadtparlament.

Ist in der Kasseler Stadtverordnetenversammlung die politische (Streit-)Kultur abhandengekommen? Wenn man die Beobachtungen einer Leserin nimmt, die in der Samstagausgabe der HNA ihre Eindrücke von der Empore bei der jüngsten Sitzung der Stavo schilderte, wenn man nur die bösen Kommentare auf www.hna.de und in unserer Zeitung vom Montag nimmt, dann muss man Angst haben um Qualität und Vernunft bei den politischen Entscheidungen in dieser Stadt.

Anders formuliert: Wie viel Perfektion erwartet man von Männern und Frauen, die - wohlgemerkt - ihre Freizeit opfern für ihr Hobby, das zugegebenermaßen hinsichtlich ökonomischer und politischer Tragweite bedeutsamer ist als das Sammeln von Briefmarken? Die sich Stadtverordnetensitzungen, Ausschusssitzungen, Fraktionssitzungen, Parteiveranstaltungen aufs Kreuz laden, die in immer wieder neuen Runden jedes Argument in der Bäderdiskussion schon x-mal gehört haben, die nach einem Arbeitstag und nach anschließenden Stunden in der Stavo kräfte- und konzentrationsmäßig auf Reserve fahren?

Wer so viel Verantwortung tragen will, von dem muss man auch mehr erwarten dürfen als eben vom Briefmarkensammler, das ist die andere Seite der Medaille. Stadtverordnete sollen keine Übermenschen sein. Aber sie sollen der Gesellschaft, die sie repräsentieren, zumindest das Bild vermitteln, dass sich ein Stadtparlament von einer Gesprächsgruppe Schwererziehbarer unterscheidet. Und das gilt auch und besonders für den hauptamtlichen, bezahlten Magistrat.

Interessant bei der Aufregung um den HNA-Beitrag ist noch etwas anderes: Kaum einer der kritisierten Politiker setzt sich mit der Frage auseinander, ob die eigene Arbeit und das eigene Verhalten möglicherweise korrekturbedürftig sind. Fast immer geht es nur darum, ob man eine solche Sicht der Dinge haben darf oder nicht. Die eigene Wahrnehmung und die des Publikums driften also auseinander. Das ist ja auch bei Wahlplakaten so. Man inszeniert sich so, dass man sich selbst gut findet, der Wähler aber im schlimmsten Fall die Personen nicht mehr erkennt.

Es gilt also hier und anderswo, für wenige Wahlwochen den Schein zu wahren - und danach wird das wahre Gesicht gezeigt. Die Wähler haben dies mittlerweile längst durchschaut und bis zur Oberkante Unterlippe satt. Politik, das zeigen Stavo und Wahlplakate und vieles mehr, wird zunehmend Selbstzweck. Vielleicht ist es auch das, was unsere Leserin in der Stavo so aufregte. (hos)

Bilder von der Sitzung

Demo für Kasseler Freibäder endet im Sitzungssaal

Rubriklistenbild: © Konrad

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