Kommentar über Berichterstattung zur NPD

"Die Kröte schlucken"

Redaktionen aller Medien stehen besonders in Wahlkampfzeiten immer wieder vor der Frage: Wie geht man in der Berichterstattung mit radikalen Parteien um, ganz besonders kreisen die Diskussionen um die NPD. Ein Kommentar von HNA-Chefredakteuer Horst Seidenfaden.

Eine menschenverachtende, ausländerfeindliche Organisation - aber nicht verboten und zur Wahl zugelassen. Genau das macht die Antworten im Einzelfall so schwierig. Denn, das ist uns bewusst, jede Form der Berichterstattung verschafft der NPD eine Plattform, die sie eigentlich nicht verdient hat.

Siehe den Streit um die NPD-Wahlplakate in Hersfeld und Gießen: Berichtet man umfassend über die Vorfälle, dann haben rein lokale Auseinandersetzungen plötzlich ein Gewicht, das ihnen nicht zukommt. Dann hätte die Splitterpartei NPD plötzlich aufgrund eines geschmacklosen Plakate-Wahlkampfs eine Strahlkraft besonderer Güte - Plakate, die man möglicherweise im Wald der Plakate übersieht, bekämen plötzlich einen neuen Aufmerksamkeitswert.

In Wahrheit setzen die Wahlkampf-Strategen der NPD vermutlich auf diese mediale Wirkung: Sich schlecht benehmen, rumschreien, auffallen - die Medien, so das Kalkül, sorgen schon dafür, dass das ganze Wirkung zeigt. Nein, nicht bei denen, die sich aufregen und zurecht dagegen angehen. Diese Menschen sind nicht die Zielgruppe, der Protest ist ja gewollt, Bestandteil der Inszenierung. Man hat die Stillen im Auge, die mit dem Staat hadern, die gern von starker Hand regiert würden, denen die eigene Geschichte und die daraus resultierende historische Verpflichtung egal ist und die sich in einer zunehmend multikulturellen Gesellschaft nicht wohlfühlen.

Die Demo am Montag und die Proteste dagegen - unsere Zugriffszahlen auf www.hna.de zeigen, dass die NPD und der breit vorhandene Zorn, dass da eine Partei am Rechtsrand der Legalität operiert, die Menschen bewegt. Natürlich muss man darüber berichten. Und auch mit Zitaten der Partei, um zu dokumentieren, womit wir es hier zu tun haben.

Aber für künsttlich erzeugte Plattformen, auf denen sich die ausländerfeindlichen Demagogen wiederfinden - dafür sollte weder Verständnis noch medialer Raum sein. Die Partei tritt wieder einmal zur Wahl an. Und es gehört zweifelsohne zu einer demokratische Grundeinstellung, dass man dies, so lange es keine Verbote gibt, zu akzeptieren hat. Aber eine Kröte zu schlucken heißt noch lange nicht, dass sie einem schmeckt. Man muss das auch nicht schweigend erdulden. Aber ein Rülpser ist in dem Fall aussagekräftig und deutlich genug.

Rubriklistenbild: © Symbolbild dpa

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