HNA-Open-Air in Kassel: Der Abend im zeitlichen Verlauf

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Kassel. Mit einer kleinen Verspätung von zehn Minuten, um den immer noch auf die Karlswiese strömenden Menschen die Chance für zumindest einen Stehplatz zu geben, beginnt Generalmusikdirektor Patrik Ringborg den Konzertabend.

Als erstes Stück erklingt auf der in eine bunte Lichtshow getauchte Bühne die "Hornpipe" aus Händels Wassermusik. Ein festlicher Auftakt. Der Dirigent und die Moderatorin Insa Pijanka begrüßen das Publikum auf der bis zum Küchengraben voll besetzten Karlswiese.

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Viele Zaungäste sitzen auch auf der Mauer am Rosenhang. Nach dem Vorspiel zu Figaros Hochzeit, einer virtuosen Orchestermusik, folgt der erste Höhepunkt: Stefan Genz, wohnhaft in Leipzig, zuhause auf den Opernbühnen in der ganzen Welt, singt den Papageno/Vogelfänger aus der Zauberflöte von Wolfgang Amadeus Mozart. Genz wurde eigens für das HNA-Open-Air verpflichtet. Stürmischer Applaus.

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Danach wird es beschwingt: Arpiné Radijan singt mit Johannes An das Walzerduett "Tanzen möcht ich" aus Emmerich Kálmáns Operette Die Czárdásfürstin. Im Publikum wird leicht mitgeswingt. Moderatorin Insa Pijanka kündigt schließlich noch zwei weitere Stücke aus Die Czárdásfürstin für den späteren Abend an.

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Es folgt ein Wunsch des Dirigenten: Fritiof und Carmencita, eine Komposition, die der Schwede Evert Taube in Südamerika schrieb. Von Südamerika geht es danach nach Spanien. Ulrike Schneider vom Opernensemble des Staatstheaters singt aus Carmen "Seguidilla".

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Weiter geht die musikalische Weltreise: Von Spanien nach Ungarn mit dem Ungarischen Tanz Nr. 5 von Johannes Brahms und (indirekt) nach China, denn dort ist Franz Léhars Das Land des Lächelns angesiedelt. Der Tenor Johannes An vom Opernensemble des Staatstheaters singt daraus das weltberühmte "Dein ist mein ganzes Herz".

Impressionen vom HNA-Open-Air I

Impressionen von HNA-Open-Air

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Patrik Ringborg bittet das Publikum um auch künftige Unterstützung des Staatsorchesters und kündigte ein Kuriosum an: Das Orchester spielt eine einminütige Sequenz aus der Filmmusik zu Soldier of Fortune von van Otterloo. Das Kuriose daran ist: Viele Orchester in der Welt spielen in diesen Tagen jeweils eine andere Minute aus diesem Werk. Am Ende erscheint dies als eine Art Patchwork-CD. Das Ganze dient der Unterstützung des Niederländischen Rundfunkorchesters.

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Kaum kündigt Insa Pijanka die Pause an, werden die Schlangen vor den Toiletten etwas länger. Dabei gibt es noch eine Überraschung, die im Vorfeld nicht angekündigt war: Die neunminütige Rosenkavalier-Suite von Richard Strauß. Tosender, lang anhaltender Applaus. Das Orchester legt nach: La donna é mobile, besser bekannt als Oh wie so trügerisch sind Weiberherzen, aus Verdis "Rigoletto". Dong Won Kim singt die Partie des Herzogs. Überall auf der Karlswiese gibt es die ersten Bravo-Rufe.

Impressionen vom HNA-Open-Air II

Impressionen vom HNA-Open-Air, Teil II

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Von dem Weg oberhalb der Karlswiese hat man einen traumhaften Blick auf das Geschehen. Hoch über der Orangerie leuchtet Richard Baumanns Laserskulptur und auf der Wiese leuchten die Kerzen und Teelichter auf den festlich gedeckten Tischen der Picknicker. Die gastronomische Versorgung klappt prima. Kein langes Anstehen an den Bier- und Essensständen. Wo man auch hinhört, sagen die Zuhörer, dass der Klang überall auf der Wiese nicht gut sondern sehr gut sei. Und eine größere Menschenmenge hat die Karlswiese wohl noch nie gesehen.

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Mit einer weiteren Überraschung beginnt um 21.40 Uhr der zweite Teil des Konzertes. Der Mambo aus Leonard Bernsteins West Side Story war ebenfalls nicht im Vorfeld angekündigt. Ein schmissiger Auftakt. Am Rande der Karlswiese tanzen einige Paare, die es können. Für Arpiné Radijan, die im ersten Teil die Sylva in der Czárdasfürstin sang, war es ihr Kassel-Debüt. Sie ist neu im Staatstheater-Ensemble. Da darf man sich auf die nächste Saison freuen.

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Das Orchester spielt als zweites Stück nach der Paise die Morgenstimmung aus Edvard Griegs "Peer Gynt Suite" (bekannt aus der Licher-Bier-Werbung). Da fehlt doch noch was? Richtig: "In der Halle des Bergkönigs", das zweite berühmte Stück des Norvegers. Begeisterung bei den jüngeren Zuschauern, die bisher nur die Version von Man-o-War kannten. Das Orchester steigert sich dramatisch. Die Zuschauer wippen mit. Tosender Applaus.

Impressionen vom HNA-Open-Air III

Impressionen vom HNA-Open-Air, Teil III

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Jetzt wird es tierisch: Nina Bernsteiner singt die Stasi und Johannes An den Edwin im gemeinsamen Duett "Machen wir's den Schwalben nach" ... natürlich aus Die Czárdasfürstin" (Emmerich Kálmán). Auf die Schwalben folgen die Hummeln. Das Staatsorchester spielt den Hummelflug von Nikolai Rimski-Korsakow.Die Geiger setzen alles daran, den Weltrekord im Geschwindifkeitsspiel dieses Stückes - lange gehalten von Teufelsgeiger David Garrett - zu brechen.

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Langsam aber allmählich stimmt Insa Pijanka auf das große Finale ein. Patrik Ringborg grüßt die internationalen Gäste und Insa Pijanka dankt der HNA für das großartige Event, das heute zum vierten Mal stattfindet: "Wir kommen gerne wieder!" Und jetzt folgt ... Die Czárdasfürstin. Stephan Genz (Boni), Nina Bernsteiner, Ulrike Schneider und Debütantin Arpiné Radijan singen "Ganz ohne Weiber geht die Chose nicht" und Tausende singen mit.

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Das große Finale naht: Das Orchester stimmt die ersten Takte von "Fantasia on British Sea Songs" von Sir Henry Wood an und wer schon einmal dabei war fühlt sich unwillkürlich an die Last Nigt of the Proms" in London erinnert. Nur, dass dort selten so ein tolles Wetter herrscht, wie heute Abend über der Karlswiese. Ein ausgelsdenes, fröhliches Publikum klatscht mit, tanzt mit, pfeift mit. Kassel in Klassik-Stimmung. Nicht enden wollender Applaus ... Und Patrik Ringborg und sein Staatsorchester wiederholen das Ganze mit doppelter Geschwindigkeit.

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Pünktlich um 22.22 Uhr beginnt das Feuerwerk. Ein unglaubliches Bild: Zu "Rule Britannia" ist die Orangerie festlich angestrahlt, auch auf der Bühne wird beleuchtungsmäßig noch mal nachgelegt und über allem, passend zur Musik, die Feuerwerkslichter. Was für ein Finale. Das Publikum ist restlos begeistert. Es wird Zugaben geben. Es muss Zugaben geben. Denn da fehlt noch was.

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Natürlich. Dong Won Kim singt in der Rolle des Calaf "Nessun Dorma" aus Turandot von Giaccomo Puccini. Dies ist das von den HNA-Lesern am häufigsten gewünschte Stück für das Open Air Konzert. Schon während er singt brandet Beifall auf. Das gibt es nur selten bei klassischen Konzerten.

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Und noch eine Zugabe. Arpiné Radijan singt, nein, nicht Die Czárdásfürstin, sondern aus Franz Léhars Giuditta "Meine Lippen, die küssen so heiß". Was für ein Gute-Nacht-Lied. Nina Bernsteiner und Maren Engelhardt gesellen sich hinzu und der Applaus nimmt kein Ende. Jedenfalls bis Patrik Ringborg und das Staatsorchester noch einmal den Mambo aus der Westside Story spielen. Heiße Musik in einer warmen Kasseler Sommernacht.

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22.45 Uhr: Das bisher beeindruckendste HNA Sommer-Open-Air ist zuende. Wo man hinhört schwärmen die Zuschauer von der einmaligen Atmosphäre. Ein Abend, an dem man sich mal wieder in seine Stadt verliebt hat.

Von Wilhelm Dietzel

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