Neun von elf Kandidaten dabei

Bundestagskandidaten aus Kassel diskutieren im Wahlforum: Nur einmal waren sich alle einig

Kurz vor der Bundestagswahl wurden in einer HNA-Diskussionsrunde unter den Bundestagskandidaten aus Kassel allerlei Themen debattiert.

Kassel – Der Kampf gegen den Klimawandel und Corona waren zwei von vielen Themen, über die die Kasseler Direktkandidaten vor der Bundestagswahl 2021 beim HNA-Wahlforum diskutierten. So viele Wahlkreis-Kandidaten wie noch bei keiner Podiumsdiskussion zu dieser Bundestagswahl waren am Mittwoch (15.09.2021) beim HNA-Wahlforum zu Gast.

Neun der elf Direktkandidaten des Wahlkreises 168 nahmen an der Gesprächsrunde teil, die im Kasseler Presse- und Druckzentrum von Alia Shuhaiber (Leiterin der Landkreis-Redaktion) und Florian Hagemann (Leiter der Lokalredaktion Stadt Kassel) sachkundig und kurzweilig moderiert wurde. Zwei Bewerber, Wolfgang Peuckert (Bündnis C) und Michael Scheffler (Freie Wähler), hatten aus persönlichen Gründen abgesagt. Wir fassen die 100-minütige Debatte zusammen.

Die Direktkandidaten vor dem Presse- und Druckzentrum der HNA: Stefan Fydrich (Die Basis), Boris Mijatovic (Grüne), Gregor Czisch (Die Partei), Klaus Bremer (MLPD), Timon Gremmels (SPD), Stephanie Schury (Linke), Michael Aufenanger (CDU), Matthias Nölke (FDP) und Sibylle Johst (AfD).

Bundestagskandidaten aus Kassel diskutieren: Das waren die großen Streitthemen

Im Mittelpunkt standen der Klimawandel und Corona. Zu beiden Themen erfuhren die Zuschauer Dinge, die nicht unbedingt in den Wahlprogrammen stehen. Weitgehend einig waren sich alle Bewerber, dass sich im öffentlichen Nahverkehr einiges tun muss, damit der Klimaschutz in der Region vorangetrieben werden kann und die Menschen mobil bleiben. Michael Aufenanger (CDU) klagte als Familienvater, dass seine Kinder nach der umstrittenen Liniennetzreform 45 statt 20 Minuten unterwegs sind, um zur Schule zu kommen.

Beim Thema Radverkehr merkte der Christdemokrat selbstkritisch an: „Da muss mehr Tempo auf die Pipeline.“     Stephanie Schury (Linke) warb für die Mobilitätsgarantie, die ihre Partei umsetzen will: Auch der Arbeiter aus Elmshagen, der bislang keine Chance hat, ohne Auto zur Frühschicht zu kommen, soll dann mit dem Bus fahren können. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Timon Gremmels forderte einen Deutschlandtakt für die Bahn.

Der ebenfalls im Berliner Parlament sitzende Matthias Nölke (FDP) will endlich die Nordtangente, damit nicht mehr so viele Autos durch Kassel fahren müssen. Boris Mijatovic (Grüne) nannte den CSU-Verkehrsminister Andreas Scheuer „eine Katastrophe“ und ist sich sicher: „Diese Wahl entscheidet ein Stück weit, ob wir in Beton investieren oder in Köpfe und Natur.“

Kassel: Auch Corona war ein großes Thema beim Treffen der Bundestagskandidaten

Von den größeren Parteien warben alle Kandidaten fürs Impfen – außer Sybille Johst von der AfD. Die 75-Jährige ist nicht geimpft und sagte: „Ich bin durch und durch gesund.“ Sozialdemokrat Gremmels fand das ein „sehr egoistisches Argument“, da sich manche eben nicht impfen lassen können und so gefährdet würden. Für Kopfschütteln sorgte auch Johsts Vorschlag, wie einst beim Rauchverbot getrennte Räume in Gaststätten zu schaffen – für Geimpfte und Ungeimpfte.

Als einzige sprach sich die Linke Schury eindeutig gegen die 2G-Regel aus, da das nur „ein negativer Anreiz“ sei: „Den Leuten Angst zu machen, ist keine Hilfe.“ Einigkeit herrschte beim Thema Digitalisierung, wo die Mängel durch die Pandemie offengelegt wurden. Der Liberale Nölke war etwa überrascht, dass das Faxgerät „im Bundestag immer noch ein wichtiges Instrument ist“.

Bundestagskandidaten aus Kassel: Wie schlugen sich die Kandidaten der kleinen Parteien?

In einer separaten Runde wurden Gregor Czisch (Die Partei), Klaus Bremer (MLPD) und Stefan Fydrich (Die Basis) befragt, deren Aussichten nur minimal sind, das Direktmandat zu erreichen. Der Sozialist Bremer nannte die Argumente der großen Parteivertreter „eine Bankrotterklärung“ und führte dafür auch seine Enkel an. Schon als er selbst in die Herkulesschule ging, seien die Toiletten dort „unter aller Kanone“ gewesen. Seine Enkel würden sich heute immer noch ekeln, dort aufs Klo zu gehen. „Es ändert sich ja nichts“, klagte Bremer.

Die beiden anderen stritten über Corona: Fydrich von der „Querdenker“-nahen Basis kritisierte „die Politik“, weil sie mit der Angst spiele. Physiker und Energieforscher Czisch propagiert dagegen eine Null-Covid-Strategie: „Man kann die Seuche ausrotten.“

Kassel: Diese Erkenntnisse ergaben sich aus der Runde der Bundestagskandidaten

Gremmels, Mijatovic, Aufenanger, Nölke und Schury sind sich in den vergangenen Wochen auf vielen Podien begegnet. Am Ende des HNA-Wahlforums trafen sich die Bewerber in ungewohnten Konstellationen wieder. Jeweils zwei von ihnen wurden ausgewählt, um in drei Minuten über ein Thema zu diskutieren. Das war bestes Infotainment.

Als Schury und Nölke über Bargeld redeten, fiel dem Liberalen neben möglicher Negativzinsen ein weiteres Argument gegen dessen Abschaffung ein: Würde nur noch digital bezahlt, könnte ein eifersüchtiger Ehepartner leicht verdächtige Ausgaben entdecken. Da lachten am Ende alle neun Kandidaten. So einig waren sie sich selten. (Matthias Lohr und Andreas Hermann)

Rubriklistenbild: © Andreas Fischer

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